Debatte über Frauenfeindlichkeit im Netz Twitter und der neue Sexismus

Stand: 30.07.2013 18:08 Uhr

Tweets mit Drohungen und sexistischen Beleidigungen im Sekundentakt - die britische Journalistin Criado-Perez hat das erlebt. Twitter reagierte. In Großbritannien löste ihr Fall dennoch eine neue Debatte über Sexismus im Internet aus.

Von Barbara Wesel, ARD-Hörfunkstudio London

"Wir kriegen dich, du Schlampe. Wir warten vor deinem Haus und zeigen's dir": Das sind eher jugendfreie Übersetzungen der Drohungen, die die Journalistin und Frauenaktivistin Caroline Criado-Perez zu Hunderten in den letzten Wochen vor allem per Twitter erhalten hat. Tatsächlich waren die Botschaften dermaßen sexistisch, unverschämt und konkret, dass sie nicht wiedergabefähig sind. Auslöser für die Kübel von Dreck war einfach, dass Criado-Perez eine Kampagne dafür gestartet hatte, eine Frau auf der neuen britischen Zehn-Pfund-Note abzubilden, und nicht wie bisher einen historisch bekannten Männerkopf.

Sexismus im Internet - Twitter reagiert auf Beschwerden
B. Wesel, ARD London
31.07.2013 09:35 Uhr

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Jane Austen auf der Zehn-Pfund-Note

Vor ein paar Tagen beschloss die Bank of England, das Porträt der Schriftstellerin Jane Austen dafür auszusuchen. Bei vielen britischen Kolumnistinnen löste das Freude aus - nach dem Motto: Na endlich! Aber Criado-Perez wurde Ziel einer regelrechten Schmutzkampagne. "Ich konnte kaum schlafen, die Drohungen waren so direkt, dass sie in meinem Kopf hängen blieben", berichtet die Journalistin: "Ich bekam regelrecht Angst. Als abends um halb elf ein Journalist zu mir nach Hause kam, wurde ich total panisch."

Sie beschwerte sich bei Twitter und bekam zunächst nur den Hinweis, dass es für solche Fälle ja einen Beschwerdemechanismus gebe. Der ist jedoch völlig untauglich und ungenügend gegenüber dieser Art von Kampagnen: "Wenn man einen beleidigenden Tweet bekommt - okay. Aber wenn man davon 50 in der Stunde bekommt, dann ist es einfach nicht praktisch, jedes Mal ein Beschwerdeformular auszufüllen", so Criado-Perez. Sie fühlte sich hilflos und veröffentlichte das Problem. Ihr Fall machte Schlagzeilen in vielen englischen Zeitungen - und jetzt reagierte auch Twitter: Man werde künftig den Beschwerdebutton, den es bei der Apple-App gibt, auch für die Nutzer von Android-Handys zugänglich machen.

Die konservative Politikerin Mary Macleod, der Chef der Bank of England Mark Carney, die Labour-Politikerin Stella Creasy und die Journalistin Caroline Criado-Perez (v.l.) mit der neuen Zehn-Pfund-Note der BoE. (Bildquelle: dpa)
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Ihre Kampagne hatte Erfolg: Die Journalistin Caroline Criado-Perez (r.) bei der Präsentation der neuen Zehn-Pfund-Note, die das Porträt von Jane Austen trägt. Neben ihr: die konservative Politikerin Mary Macleod, der Chef der Bank of England Mark Carney und die Labour-Politikerin Stella Creasy (v.l.)

Welches Recht soll man anwenden?

Aber das löst das Problem natürlich nur sehr partiell und an der Oberfläche. Rechtlich ist es schwierig, sich gegen solche Kampagnen in sozialen Netzwerken zu wehren, sagt Medienanwalt Steve Kuncewicz: "Es ist schwierig, das Internet zu kontrollieren und zu überwachen, denn viele Plattformen sind außerhalb Europas, teilweise in den USA - welches Recht soll man also anwenden?"

Ein Grundproblem, das schon seit längerer Zeit diskutiert wird - in Großbritannien allerdings hat noch eine zweite Debatte begonnen: die über einen neuen Sexismus, der plötzlich ungestraft in den Onlinemedien sein hässliches Haupt zu zeigen scheint. Opfer wurde zum Beispiel die Cambridge-Professorin Mary Beard: Ihr einziges "Vergehen" besteht darin, eine Sendung über das alte Rom in der BBC zu präsentieren, über 50 zu sein und lange graue Haare zu tragen. Sie wurde mit einer Flut an Obszönität überschüttet - und informierte ihre eigene Twitter-Gemeinde, die dafür sorgte, dass der "Troll" öffentlich gemacht wurde. Aber im Prinzip geht das, was diese britischen Frauen erleben, über normales "Online-Trolling", im Sinne von Beschimpfungen und Widerspruch, weit hinaus - es sind sexistische Drohungen der übelsten Art.

"Hier sollen Leute terrorisiert werden"

Auch die Labour-Abgeordnete Stella Creasy, erlebte Ähnliches: "Diese Art von Cyber-Verfolgung ist ziemlich üblich in Großbritannien, und viele Frauen im öffentlichen Leben haben das mitgemacht", sagt Creasy. "Wir brauchen eine Art damit umzugehen und klarzumachen: Es ist nicht ok. Das hat nichts mit freier Meinung zu tun - hier sollen Leute unterdrückt und terrorisiert werden."

Wie überall in Europa hatten auch viele britische Frauen geglaubt, in punkto Sexismus habe man das Schlimmste wohl hinter sich. Doch die Anonymität im Internet bringt plötzlich eine Frauenfeindlichkeit wieder an die Oberfläche, die man längst verschwunden glaubte.

Dieser Beitrag lief am 30. Juli 2013 um 15:38 Uhr auf NDR Info.

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