Martin Schulz | Bildquelle: dpa

Schulz im Porträt Ein Vollblutpolitiker, der polarisiert

Stand: 24.11.2016 11:36 Uhr

Ein unermüdlicher Kämpfer für die europäische Idee, aber auch kühler Machtstratege: Martin Schulz polarisiert. Entweder er wird bewundert oder gehasst. Doch einig sind sich alle: Auf seinem Posten in Brüssel hat er eine gute Figur gemacht.

Von Holger Romann, ARD-Studio Brüssel

"Ein Kämpfer für die Idee der europäischen Demokratie, ein Mann, der sagt, was ist, der Probleme nicht wegbeschwichtigt." So hat ihn der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck beschrieben. Das war im Mai vor einem Jahr, als Martin Schulz für seine Verdienste um das Vereinte Europa den Aachener Karlspreis bekam. Ein anderes Zitat ist weniger schmeichehaft. Es stammt vom ehemaligen italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi. Der bezeichnete den SPD-Mann bei einem Auftritt im Europaparlament einmal als Idealbesetzung für einen "Kapo", einen KZ-Aufseher.

Entweder man bewundert oder man hasst ihn

Die rüde Attacke des Cavaliere war indiskutabel und fiel auf ihren Urheber zurück. Doch wenn man sie neben die Gauck-Laudatio hält, wird eines deutlich: Schulz polarisiert. Entweder man bewundert ihn für seine Energie, sein Sprachtalent und seinen Mut zum offenen Wort - oder man hasst ihn, weil er trotz seiner robusten Art und seiner de facto begrenzten Machtfülle im europäischen Politgeschäft ziemlich weit oben mitmischt und dies sein Umfeld gern spüren lässt.

"Deshalb bin ich als Präsident des Europaparlaments angetreten, um die Türen und Fenster des Hauses Europas zu öffnen", erklärt Schulz. "Damit die Menschen hineinschauen können und verstehen, was drinnen passiert - wer was wann wo und warum macht. Nur so kann das verloren gegangene Vertrauen zurückgewonnen werden."

Gute Figur gemacht

Eines jedoch bestreitet auch im Lager seiner vorwiegend konservativen Kritiker niemand: Schulz hat auf seinem Posten eine gute Figur gemacht. In den fast fünf Jahren, die der streitbare Sozialdemokrat dem EU-Parlament vorsaß, hat er sowohl dem Amt als auch der Institution spürbar mehr Gewicht, in jedem Fall aber mehr Aufmerksamkeit verschafft.

"Hören wir endlich auf, die europäische Union schlechtzureden", fordert Schulz. "Wir haben gemeinsam so viel erreicht: Feinde wurden zu Freunden, Diktaturen zu Demokratien, Grenzen wurden geöffnet, der größte und reichste Binnenmarkt der Welt geschaffen. Wir haben Menschenrechte und Pressefreiheit, aber keine Todesstrafe oder Kinderarbeit - warum sind wir darauf nicht stolz?"

Schon lange am nächsten Karriereschritt gearbeitet

In den zahlreichen europäischen Krisen war der selbstbewusste Rheinländer omnipräsent und wurde nicht müde, die zerstrittenen Mitgliedsstaaten zur Ordnung zu rufen und Europas populistischen Feinden den Marsch zu blasen. Dass der gelernte Buchhändler aus Würselen dabei auch gern mal übers Ziel hinausschoss und die eigene Person und Bedeutung stets ins rechte Licht zu rücken wusste, nahmen ihm in Brüssel nur die Neider übel.

Trotzdem meinen hier viele, Schulz habe seine Möglichkeiten auf EU-Ebene ausgeschöpft und schon lange am nächsten Karriereschritt gearbeitet: "Er hat nicht immer das Interesse des Parlaments vertreten, sondern sehr häufig auch parteiliche Interessen und Parlamentspräsidenteninteressen vermischt", sagt Herbert Reul, der Chef der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament. "Darüber hat es viel Kritik gegeben, und es gab eine Absprache, dass dieses Amt nach dieser Periode gewechselt wird."

In Berlin für die europäische Idee werben

Reul hatte das Präsidentenamt seit Monaten beharrlich für seine konservative EVP-Fraktion reklamiert. Im Dezember will man einen Kandidaten für die Wahl am 17. Januar benennen. Ob man freilich einen ähnlich charismatischen Bewerber wie Schulz findet, ist noch offen. Sicher ist dagegen, dass der scheidende Amtsinhaber in Berlin für frischen Wind sorgen wird - ob als Außenminister, SPD-Kanzlerkandidat oder einfacher Abgeordneter. Als überzeugter Europäer und Vollblutpolitiker dürfte Schulz weiterhin für die Idee des Vereinten Europa werben. In Krisenzeiten wie diesen eine wichtige, wenn auch nicht leichte Aufgabe. 

Martin Schulz: Überzeugter Europäer mit Ambitionen
H. Romann, ARD Brüssel
24.11.2016 10:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. November 2016 um 08:45 Uhr

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