Flüchtlinge treiben vor der Küste Libyens im Mittelmeer. | Bildquelle: dpa

Geschäfte der Schlepper Vom Billigangebot zur "All-Inclusive-Flucht"

Stand: 13.07.2017 10:01 Uhr

Die Schlepper zwischen Afrika und Europa gehen erschreckend professionell vor: Sie werben im Internet und sind organisiert wie ein großes Reiseunternehmen. Flüchtlinge können zwischen Billigangeboten und einer regelrechten "All-Inclusive-Flucht" wählen.

Von Karin Bensch-Nadebusch, ARD-Studio Brüssel

"Es gibt eine sehr gut organisierte Schlepperindustrie. Wir sprechen da von Unternehmen, die länderübergreifend arbeiten", sagt Maia Marie-Cécile Darmé vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. "Diese Schlepper haben Bankkonten in Europa. Aber auch in Kairo und Dubai, in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Verwandte der Flüchtlinge, die in Europa leben, überweisen das Geld für die gesamte Reise auf die Bankkonten dieser Menschenschlepper", erzählt die UNHCR-Mitarbeiterin.

Flüchtlinge im Mittelmeer bei ihrer Rettung durch die Hilfsorganistionen "Ärzte ohne Grenzen" und "SOS Méditerranée". | Bildquelle: dpa
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Die meisten Flüchtlinge begeben sich auf eine monatelange und lebensgefährliche Odyssee.

Doch wie finden sie die Schlepper? Und wie kommen sie an deren Kontonummern? Manche der Schlepper werben im Internet für ihre Dienste. Es gebe beispielsweise bestimmten Facebook-Seiten, wo man Telefonnummern der Menschenschmuggler findet. Dort fänden sich dann auch Preise für die Reisen.

Mittlerweile gebe es sogar eine Art Versicherungssystem. Die Verwandten überweisen nur dann Geld an die Schlepper, wenn die Person, für die sie zahlen, sicher in Europa angekommen ist, berichtet die Mitarbeiterin des UN-Flüchtlingshilfswerks.

Premiumreisen im Angebot

Erschreckend ist, wie professionell die Menschenschlepper ihre kriminelle Dienste anbieten und durchführen. Sie sind ähnlich organisiert wie Reiseunternehmen. Es gibt Billigangebote und Luxusreisen. Je nachdem wieviel die Kunden zahlen. Da gebe es zum Beispiel "all inclusive-Angebote" - das volle Paket, erzählt Maia Darmé.

Dieses beinhalte etwa, dass das Schmugglernetzwerk dafür sorge, dass der Flüchtling die libysche Küste erreicht. Dann übernimmt ein zweiter Schmuggler, der die Person auf ein Boot Richtung Europa setzt. Diese Reisen nutzen häufig Menschen, die aus Ostafrika flüchten, vom Horn von Afrika. "Wir reden hier von Preisen zwischen 5000 und 10.000 US-Dollar", berichtet die UNHCR-Mitarbeiterin.

Monatelange Reise

Flüchtlinge im Hafen von Augusta (Sizilien) | Bildquelle: AFP
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Die Bootsflüchtlinge landen meist in überfüllten Lagern in Italien.

Doch viele Menschen können sich eine solche teurer Flucht nicht leisten. Sie bewegen sich nur sehr langsam und mühsam voran. Die Schmugglernetzwerke sind löchrig: Von ihrem afrikanischen Heimatland bis zur libyschen Küste nutzen die Flüchtlinge zehn bis fünfzehn verschiedene Schlepper. Und sie müssen jeden einzelnen von ihnen selbst ausfindig machen, erzählt Maia Darmé.

Die Menschen sind wochenlang, manchmal Monate unterwegs. Viele müssen unterwegs eine Arbeit finden, um Geld für die nächste Etappe zu verdienen. Diese Reisen kosten die Flüchtlinge um die 1000 US-Dollar. Aber die Flucht ist viel chaotischer und gestückelter, sagt die Mitarbeiterin des UN-Flüchtlingshilfswerks. Eine lebensgefährliche Reise, die meistens nicht im ersehnten "Paradies Europa" endet, sondern zunächst in einem überfüllten Flüchtlingslager in Italien.

Verwandte in Europa zahlen Menschenschlepper
K. Bensch, ARD Brüssel
13.07.2017 09:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Juli 2017 um 10:09 Uhr.

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