Zerstörte Häuser in der Ukraine | Bildquelle: Bernd Großheim

Reportage aus der Ostukraine "Wir führen einen Nachtkrieg"

Stand: 16.06.2015 11:19 Uhr

Am Tag ist es still in dem ostukrainischen Schirokine - ein wenig Wind und Vogelgezwitscher. Doch idyllisch ist es in dem Ort nahe Mariupol nur mit geschlossenen Augen. Denn überall sind Spuren des Krieges zu sehen, wie Bernd Großheim berichtet. Er hat den Anführer eines Freiwilligenbataillons begleitet.

Von Bernd Großheim, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Blockposten 15 - der letzte Kontrollpunkt vor dem Dorf Schirokine am Asowschen Meer in der Ostukraine. Von hier aus sind es nur noch ein paar Minuten in den Krieg. Das Dorf ist seit Monaten heftig umkämpft zwischen den Separatisten, die von Russland unterstützt werden und ukrainischen Freiwilligenbataillonen.

Am Kontrollpunkt steht Taras in einem rechtsgelenkten Geländewagen. Der sei aus England, sagt er. Die seien billig in der Anschaffung. Taras kommandiert etwa 180 Mann eines ukrainischen Freiwilligenbataillons hier östlich der Hafenstadt Mariupol.

Schwere Waffen weiter in der Region

"Die schweren Waffen der Separatisten sind nicht da, wo sie sein sollen. Wir haben unsere Technik zurückgezogen, aber sie haben sie vorgerückt: Nach Sachanka, drei Kilometer von Schirokine entfernt. Zwei Raketenwerfer und zehn Haubitzen stehen in Sachanka und wir werden ständig angegriffen", sagt Tara.

Nachzuprüfen sind Taras Aussagen nicht. Und die Wahrscheinlichkeit, dass auch sein Freiwilligenbataillon Donbass schwere Waffen an der Front hat, ist sehr groß. Unterwegs steigt Butsch zu. Ein Kamerad von Taras. Während der stolz sein Bundeswehrhemd trägt, hat Butsch ein rot-weißes Ringelshirt an. An den Füßen Badelatschen. Beide unterhalten sich, was so los war.

Ukraine | Bildquelle: Bernd Großheim
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Taras kommandiert etwa 180 ukrainische Freiwillige.

"Ich habe gestern einen Russen gefangen genommen und ihn verhört. Er hatte einen russischen Pass dabei. Und ihr?", fragt Taras. Nichts, Nachtschicht eben. Zwei Leute schlafen, und zwei bewachen den Checkpoint. Alles in Ordnung", so Butsch.

Am Dorfrand von Schirokine zeigt Butsch in einer Ferienhaussiedlung die Trichter der 150 Millimeter-Granaten. Sie sind wohl acht Meter im Durchmesser. Keine Fensterscheibe ist mehr heil. Die Überreste eines Lkw-Führerhauses liegen zerfetzt neben einer Einfahrt. Wie viele Geschosse es waren, weiß er nicht. Man zähle sie ja nicht, meint Butsch.

"Ich weiß nicht, aber beim Bataillon Azov sind ein paar Leute ums Leben gekommen. Gestern war der Beschuss stark, sie schießen wirklich viel", sagt er.

Ein paar hundert Meter weiter stehen Sonnenschirme am Sandstrand. Erst beim zweiten Hinsehen erkennt man, dass sie aus Metall sind und deswegen nicht umgeweht wurden. Diese Ferienhaussiedlung sei von Separatisten zurückerobert worden, sagt Taras.

Spuren des Krieges

Und es herrscht Stille in Schirokine, nur ein bisschen Wind und Vogelgezwitscher. Mit geschlossenen Augen ist es fast idyllisch, mit offenen Augen wird der Schrecken des Krieges deutlich. Vollkommen zerstörte Häuser, verrußte Mauerreste, herunterhängende Rollos und umgefallene Sessel in den Räumen.

An den Strand geht hier niemand mehr. Der sei vermint, sagt Taras. Alle Einwohner von Schirokine seien geflüchtet. Dass man keine seiner Kämpfer sehe, liege daran, dass er befohlen habe, sich nicht ohne besonderen Grund aus der Deckung zu begeben. "Einige ruhen sich jetzt aus, weil es ruhig ist. Wir führen einen Nachtkrieg. Sie greifen nachts an", sagt Taras.

"Zombies" nennt Taras die Separatisten. Russen, die in den Tod geschickt würden. 20 Prozent von denen wollten gar nicht kämpfen. Woher Taras das weiß, sagt er nicht. Egal, eines Tages werde es Frieden geben, meint er. Bis dahin werde es aber wohl noch viele Tote geben. Taras horcht kurz auf und hört auf zu sprechen, als zwei dumpfe Explosionen einige Kilometer weiter weg zu hören sind. Kurz danach eine Gewehrsalve. Nach ein paar Sekunden sagt der Kommandeur: alles normal. Und wieder wird es still am Asowschen Meer in der Ostukraine.

Die Stille in Schirokine
B. Großheim, ARD Moskau
16.06.2015 09:53 Uhr

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