Seitenueberschrift
Der scheidende ARD-Korrespondent Scherer im Interview
"Amerikas politische Kultur ist schlechter geworden"
Nach fünf Jahren verabschiedet sich Klaus Scherer als ARD-Korrespondent aus Washington. Im Interview mit tagesschau.de schaut er auf seine Zeit in der US-Hauptstadt zurück. Er bilanziert die politischen und sozialen Veränderungen in den USA, aber auch seine persönlichen Erfahrungen mit dem Land.
tagesschau.de: Vor vier Jahren war Obama mit seinem Wahlkampfversprechen "Change", also Veränderung, erfolgreich. Wie verändert sind die USA heute, kurz vor der nächsten Präsidentschaftswahl?
Klaus Scherer: Außenpolitisch geben sie der Diplomatie weiterhin mehr Vorrang als zu Zeiten George W. Bushs. Sie sind kooperativer, auch wenn das den Europäern, die nun plötzlich mit im Boot sitzen, nicht immer gelegen kommt, siehe Libyen, Syrienkrise, Nahost. Die Hoffnung auf einen innenpolitischen "Change" hin zur Versöhnung der politischen Lager, ist dagegen verflogen. Aber die war ohnehin naiv. Auch Frau Merkel sagt nach der Wahl, sie wolle die Kanzlerin aller sein, und keiner wirft ihr vor, dass die Opposition meist gegen sie stimmt. Zudem hat sich die US-Opposition von Anfang an als Ziel gesetzt, Obama zu sabotieren. Dennoch hat er Reformen durchgesetzt, die historisch sind.
tagesschau.de: Hat sich die politische Kultur Amerikas verändert?
Scherer: Eindeutig ja, zum Schlechteren. Der Wahlkampf gegen Obama hat im Grunde nie aufgehört, alle Geldschleusen für Großspender sind offen, Stilregeln gelten nicht mehr. Ich habe Mitt Romneys Vorwahlkampf begleitet, da fragte ihn einer aus dem Publikum, ob er ihm als Präsident weiter Waffen zugestehe, um sich gegen eine "tyrannische" Regierung zu verteidigen wie die jetzige. Ich bin sicher, früher hätte jeder dem Mann zunächst geraten, Tyrannen woanders zu suchen. Romney ließ es stehen. Die Republikaner haben Angst vor Obama, deshalb heißen sie alles gut, was ihm schadet. Ihr Haussender Fox News betreibt das mit messbarem Erfolg. Dass hier so viele glauben, Obama sei Moslem, Sozialist und eigentlich gar kein US-Bürger, ist ein Armutszeugnis auch für die Eliten im Lande.
tagesschau.de: Wie verändert ist das transatlantische Verhältnis?
Scherer: Darüber rätseln die Transatlantiker selbst. Vor allem die Finanzkrise hat beide Seiten schon zuhause ratlos gemacht, geschweige denn, wenn sie einander verstehen sollen. Da sind sich die Partner fremder geworden, weil es keine einfachen Antworten mehr gibt. Bündnispolitisch ist klar geworden, dass Amerika den Europäern mehr abverlangen wird. Bushs Unilateralismus ist vorbei. Er wäre auch nicht mehr bezahlbar. Andererseits nähert sich Obama mit seinen billigeren, unerklärten Drohnen- und Cyberkriegen womöglich einem ähnlich selbstgerechten Kurs, wenn auch mit weniger Opfern.
tagesschau.de: Sollte der designierte Kandidat der Republikaner, Mitt Romney, der nächste Präsident werden, ändert sich dann irgendwas für die Europäer?
Scherer: Vermutlich wenig. Er dürfte abrupte Kurswechsel vermeiden. Er ist Pragmatiker, das zeigt seine Politik als Gouverneur von Massachusetts, die ja nicht eben ultrarechts war. Viele nennen das wendig oder opportunistisch, denn man weiß kaum, wofür er steht. Trotzdem halte ich für offen, wie weit er sich von den Versprechen des Vorwahlkampfs lösen kann, denn daran werden auch ihn Wähler und Geldgeber erinnern. Etwa, dass sich Amerika nicht mehr entschuldigen dürfe und dass Iran die Bombe baut, wenn Obama wiedergewählt wird. Dabei rät selbst das US-Militär von Angriffen auf Irans Atomanlagen ab.
tagesschau.de: Romney plant offenbar einen Europa-Besuch. Womit will er da punkten?
Scherer: Er hat außenpolitisch keinerlei Profil, also braucht er Fernsehbilder, die den Eindruck ändern. Mit Frau Merkel könnte er für solide Spar- und Finanzpolitik werben. Auch wenn man sich da als Chronist die Haare rauft. Der Turbokapitalismus der Republikaner war ja, wie wir vor vier Jahren erlebten, nicht eben krisenfest. Zudem hat kaum einer derart die "bankrotte Ideologie Europas" verhöhnt wie Romney, inklusive deutschem Krankenschutz. Für diese Sozialismus-Leier wider besseres Wissen müsste er dort eigentlich hochkant rausfliegen. Im Ernst, es wäre grotesk, wenn ausgerechnet die Europäer Romneys Chancen steigerten. Die Eurokrise hilft ihm ohnehin schon, denn sie hat Obama zweimal die Konjunkturerholung verhagelt. Aber Romney verwirrt damit auch die politische Mitte. Erst Europa verteufeln, dann dort tingeln gehen, das werden ihm, wieder mal, viele nicht abnehmen.
Stand: 09.07.2012 14:15 Uhr
