Frauen in einem Frauenzentrum in Hyderabad | Bildquelle: Peter Gerhartz / ARD

Muslime in Indien Frauen kämpfen gegen die Vielehe

Stand: 15.04.2018 11:53 Uhr

Vielehe ist in Indien eigentlich verboten. Doch für Muslime gibt es eine Ausnahme: In persönlichen Angelegenheiten gilt für sie die Scharia. Immer mehr Frauen wehren sich dagegen. Nun soll der Oberste Gerichtshof entscheiden.

Von Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu-Delhi

In einer winzigen Wohnung mitten in einem muslimischen Viertel in Hyderabad sitzt Shabana Begum an ihrer Nähmaschine. Neben ihr quengeln die vier Kinder. Doch Begum hat keine Zeit. Bis zum Abend müssen die Kleidungsstücke fertig werden. Mit dieser Arbeit hält sie die Familie über Wasser.

Ihren Mann sieht sie nur selten. Er ist vor ein paar Jahren ausgezogen - zu seiner Zweitfrau. "Für uns hat er seitdem keine einzige Rupie mehr übrig", klagt sie. Dass ihr Mann eine weitere Frau geheiratet hatte, erfuhr sie zufällig. Über Jahre führte der Mann ein Doppelleben. "Er sagte immer, dass er zu seiner Mutter geht, wenn ich ihn fragte, wo er übernachtet", erzählt sie. Sie selbst darf mit keinem anderen Mann zusammen sein. Sie ist ja bereits verheiratet.

Frauenrechte in Indien: Begum (34) mit drei ihrer Kinder | Bildquelle: Peter Gerhardt/ARD
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Shabana Begum bringt ihre Familie mit Näharbeiten durch, seit ihr Mann eine weitere Frau heiratete.

Kolonialer Minderheitenschutz

Es gibt keine Statistik, wie hoch die Zahl der Vielehen in Indien ist. Doch durch ihre langjährige Erfahrung weiß Jamilla Nishad von der muslimischen Frauenrechtsorganisation Shaheen, dass Polygamie eine verbreitete Praxis ist, quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. "Die allerwenigsten Frauen sind glücklich, wenn ihr Mann weitere Frauen heiratet", sagt sie. "Aber sie können es nicht verhindern."

In der indischen Verfassung ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben. Doch das ist Theorie, was an einer rechtlichen Besonderheit liegt: Noch zu Kolonialzeiten erließen die Briten ein Gesetz, nach dem Muslime untereinander "Angelegenheiten des Personenstands", also Hochzeit, Scheidung oder Erbe, nach der Scharia regeln durften. Das war als Minderheitenschutz gedacht. Muslime machen etwa 15 Prozent der Bevölkerung aus und sind nach den Hindus die zweitgrößte Religionsgruppe in Indien.

Jamilla Nishad, Frauenrechtlerin | Bildquelle: Peter Gerhardt / ARD
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Frauenrechtlerin Jamilla Nishad ärgert sich über die absurden Verhältnisse im Personenstandsrecht.

Warten auf ein einheitliches Personenstandsrecht - seit 1947

Die Briten gingen, doch die Scharia blieb. So gelten auch heute noch für Muslime in Ehefragen der Koran und die Überlieferung des Propheten. Für Hindus und andere Religionen wie Christen, Parsen und Buddhisten ist zwar die Vielehe verboten, doch ansonsten hat auch jede dieser Gemeinschaften eigene Regeln.

Dass dies auf Dauer zu absurden Verhältnissen führt, ahnten auch die Mütter und Väter der indischen Verfassung und legten deshalb fest, dass es ein einheitliches Personenstandsrecht geben soll. Das war 1947, seitdem hat sich nicht viel getan. "Egal welche Politiker an die Macht kamen", schimpft Nishad, "alle haben nur mit den Würdenträgern der muslimischen Verbände gesprochen. Und die sagten: 'Wir regeln das lieber selbst.'" Das sei auch kein Wunder, sagt sie. "Das sind alles Männer."

Angriff der Hindu-Mehrheit?

Zwei Frauen haben nun vor dem Obersten Gerichtshof Klage eingereicht. Ashwini Ubadhya, ein prominenter Anwalt, hat sich dem Verfahren angeschlossen. "Polygamie verstößt gegen die Gleichberechtigung", sagt er. "Und selbst viele muslimische Staaten haben sie längst abgeschafft."

Doch Ubadhya ist auch Sprecher der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP. Die Muslimverbände wittern einen politischen Angriff der Hindu-Mehrheit und drohen mit Protesten. "Die Scharia ist von Allah gegeben. Und nur Allah selbst kann sie ändern", argumentiert Mir Kahder Ali, Präsident der islamischen Familienrichter in Hyderabad.

Mir Kahder Ali, Präsident der islamischen Familienrichter in Hyderabad | Bildquelle: Peter Gerhardt / ARD
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Mir Kahder Ali, Präsident der islamischen Familienrichter in Hyderabad, will nicht, dass sich an der Situation etwas verändert.

Unsichere Erfolgsaussichten

Viele muslimische Frauen sehen das anders. "Ich zweifle doch nicht an Gott. Ich zweifle an den Menschen, die diesen Unsinn zulassen", sagt Begum. Sie hofft, dass die Klage Erfolg haben wird.

Ob aber der Oberste Gerichtshof das entscheiden wird, was sich die Politik bisher nicht getraut hat, ist unklar. Die Richter haben den Fall angenommen, aber nicht terminiert. Für Begum wird eine mögliche Entscheidung ohnehin zu spät kommen. Ihr Mann hat mittlerweile noch eine dritte Frau. Mit den beiden anderen Frauen hat sie noch nie gesprochen.

Mehr zum Thema sehen Sie am Dienstag, den 17. April um 23:30 Uhr in der Sendung "Weltbilder" im NDR Fernsehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. April 2018 um 17:00 Uhr in den Nachrichten.

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