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Heavy Metal im neuen Ägypten
Kairo ringt um den Sound der "Satanisten"
Heavy Metal macht auch um Ägypten keinen Bogen - bis dato. Fans und Musiker sehen sich nun einem juristischen Angriff ausgesetzt. Nach der Anzeige gegen einen Konzertveranstalter steht der Vorwurf des Satanismus im Raum. Auftakt für eine weitere Runde im Ringen um die Freiheit der Kunst im neuen Ägypten.
Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Ein wummerndes Schlagzeug, kreischende Gitarren, schnelle Rhythmen. Musiker und Fans tragen schwarze T-Shirts und lange Haare, die sie durch die Luft wirbeln. Sie nennen das Headbangen. Auch in Ägypten gibt es Heavy-Metal-Liebhaber. Sie treffen sich in Clubs und Kulturzentren. Noch.
Denn jetzt hat der Rechtsanwalt Ismail Weshahy gegen einen der Konzertveranstalter Anzeige erstattet. Unter anderem wegen des Verdachts auf Verstoß gegen Paragraph 161 des ägyptischen Strafgesetzbuchs - "Verachtung von Religionen".
Der Jurist erläutert, man müsse befürchten, die Absicht hinter dieser angeblichen Kunst bestehe darin, Ideen zu verbreiten, die "die Werte des Volkes zersetzen und die Denkweise des Satanismus einführen könnten." Der Verdacht auf Satanismus werde durch die schwarze Kleidung und die schnellen, schrillen Töne genährt, so Weshahy weiter.
Satanisten in Kairo? - Ringen um Kunst im neuen Ägypten
B. Blaschke, ARD
13.09.2012 03:27 Uhr
Konzertveranstalter gibt sich gelassen
Satanismus? Verachtung der Religionen? - Das klingt absurd. Aber auch das deutsche Strafgesetzbuch droht mit Strafe, wenn eine Religionsgemeinschaft in einer Weise beschimpft wird, "die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören".
Der Betreiber des "Culture-Wheel", in dem das verdächtige Konzert gegeben wurde, Mohammed Sawi - Absolvent der Deutschen Schule in Kairo, gibt sich gelassen. Der Anwalt sei immerhin ehrlich genug gewesen, um zu sagen, er habe lediglich die Befürchtung, dass es hier um Satanismus gehe, erklärt Sawi. Weshahy habe nicht gesagt: Das sei eine Tatsache. Ihm kam das offenbar komisch vor und er gelangte zu der Überzeugung, dies müsse man anzeigen.
"Worüber redet dieser Idiot?"
So ruhig der Konzertveranstalter bleibt, so aufgebracht äußert sich einer der Metal-Musiker - Amr Hassan von der Band "Andromeda". Es gebe in Ägypten gar keine Satanisten, also Menschen, die den Teufel anbeteten, meint er und wirft dem Anwalt vor, schlimmer zu sein als das alte Regime.
Bereits vor 15 Jahren hatten die ägyptischen Behörden gut 100 Menschen bei einem Metal-Konzert wegen des Verdachts auf Satanismus festgenommen. Später hieß es auch mal, Metal-Fans seien Agenten Israels, die Ägypten unterwandern wollten.
Amr Hassan wirft ein, dass seien Zeiten gewesen, in denen die meisten Ägypter weder Satelliten-Fernsehen noch Internet gehabt hätten. Sie hätten es also nicht besser wissen können. Heute aber könnten sie es, wenn sie es nur wollten. Und das mache die Angelegenheit viel schlimmer. "Dieser Mann weiß nichts", schimpft er über den Anzeigeerstatter: "Aber er will Publicity für sich haben. Worüber redet dieser Idiot? Worüber? Echt."
In der islamischen Welt gibt es laut Hassan nur einen prägenden Rhythmus in der Musik: "Was ist das Problem, wenn ich ihn ändere? Fahre ich dann sofort zur Hölle und zum Satan? Ich verstehe wirklich nicht, was hier gerade passiert."
Das Ringen um eine neue Staatsverfassung
Seit Monaten ist eine hundertköpfige Kommission damit beschäftigt, eine neue Verfassung für das Land zu erarbeiten. Gleichzeitig bemühen sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen um die Freiheit der Kunst und deren Grenzen im neuen Ägypten; sie loten aus, was möglich ist und was nicht. "Man steht im Ring und jeder versucht, den anderen niederzuschlagen", erzählt Sawi: "Ich will das nicht . Statt zu boxen wäre es mir lieber, wenn wir Schach spielen würden."
Sawi ist einer der 100 Gesellschaftsvertreter, die in der Verfassungskommission sitzen. Ismail Weshahy ist Jurist der Muslim-Bruderschaft, jener Gemeinschaft also, aus der Ägyptens neuer Staatspräsident Mohammed Mursi hervorgegangen ist. Sie gilt mittlerweile als gemäßigt islamistisch, wenngleich immer noch nicht klar ist, in welche Richtung Mursi das Land lenken will.
Anzeige erfolgte nicht im Namen der Muslim-Bruderschaft
Weshahy bekräftigt, er habe seine Satanismus-Anzeige nicht im Namen der Muslim-Bruderschaft gestellt, sondern als einfacher Bürger. Gleichwohl fürchten liberale Ägypter, dass die Islamisten das, was sie nicht als religionskonform einschätzten, einschränken wollten - auch Heavy-Metal-Musiker Hassan: "Dieser Fall ist nur ein erster Schritten, um die Kunst zu stoppen."
In einem zweiten Schritt, erwartet er, werde die Muslim-Bruderschaft selbst aktiv. Bislang habe sie sich zwar noch nichts geäußert: "Ich denke aber, dass sie die nächste Parlamentswahl abwarten. Wenn sie wie beim letzten Mal einem hohen Sieg einfahren, wird für Ägypten eine harte Zeit anbrechen", prophezeit Hassan.
"Wir haben der Muslim-Bruderschaft ermöglicht, offen zu sprechen"
Veranstalter Sawi kündigt an, weiterzumachen. Er will jetzt regelmäßig Metal-Konzerte ausrichten, um so das neue Bild Ägyptens mitzuprägen. Das will auch Weshahy: "Die Gesellschaft bestimmt die Einschränkungen der künstlerischen Freiheit", meint er: "Wenn die Gesellschaft ein schönes oder gutes Werk sieht, wird es gelobt und akzeptiert. Auf der anderen Seite: Wenn das Volk mit einem Werk konfrontiert ist, das gegen die Sitten ist, dann lehnt es das Werk ab und wendet sich an die Regierung - die ist in diesem Fall Schiedsrichter."
Amr Hassan, der im Frühjahr 2011 auf dem Tahrir-Platz gegen Diktator Hosni Mubarak und für die Freiheit demonstriert hatte, fürchtet, dass die ägyptische Revolution bald ihre Kinder frisst: "Die jungen Leute, über die die Muslim-Bruderschaft oder deren Anwalt zu unrecht sagen, dass sie Satanisten seien, sind die, die die Revolution begonnen haben. Sie haben der Muslim-Bruderschaft und diesem Anwalt überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, offen sprechen zu dürfen. Das vergelten sie uns nun, indem sie uns Satanismus vorwerfen? - Sie sollten uns lieber danken."
Stand: 01.12.2012 05:39 Uhr
