San Ferdinando | Bildquelle: AFP

Erntehelfer in Kalabrien Prügel und Hungerlöhne für Migranten

Stand: 14.06.2018 04:13 Uhr

In der kalabrischen Region Goia Tauro hausen Tausende Migranten in Slums unter erbärmlichen Lebensbedingungen. Sie werden für die Ernte von Zitrusfrüchten ausgenutzt. Ein lebensgefährlicher Job.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom, zzt. San Ferdinando, Kalabrien  

Italiens Innenminister Matteo Salvini hat gerade erst angekündigt: Für illegale Migranten sei das schöne Leben jetzt vorbei. Für Soumayla Sacko aus Mali ist das Leben überhaupt vorbei. Er wurde nur 29 Jahre alt. Er war Erntehelfer in der Ebene von Goia Tauro in Kalabrien. Ein schönes Leben war das nicht. Er hauste in San Ferdinando, an dem Ort, den sie hier "Barackopolis" nennen. Eine Ansammlung von zusammengeflickten Verschlägen. Von außen sieht es aus wie eine Müllhalde.

"Der Junge hat in einer Baracke gelebt. Er hat daran gebaut und war mit anderen Brüdern unterwegs, um Blech zu suchen. Denn immer wieder gibt es Feuer, und da will man sich schützen. Man sucht einen sichereren Unterschlupf. Und dann wurde er einfach so erschossen." Mamadou Dia aus dem Senegal kennt das Leben der Tausenden Erntehelfer hier gut. Er wurde selbst vier Jahre lang ausgebeutet, arbeitet jetzt für eine Hilfsorganisation. Ausbeutung von Migranten hat in der Gegend Tradition.

Demonstration San Ferdinando | Bildquelle: AFP
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Nach dem Tod von Soumayla Sacko: Demonstration gegen die Lebensbedingungen in San Ferdinando.

Sieben Cent für das Kilo Orangen

Der Landwirtschaftsverband Coldiretti, der allein in Kalabrien rund 25.000 Betriebe vertritt, prangert das schon lange an. Andererseits weiß auch Pietro Sirianni, Direktor von Coldiretti in Regio Calabria, dass es ohne billige Arbeitskräfte kaum geht: "In der Ebene von Goia Tauro und Rosarno gibt es den Anbau von Zitrusfrüchten, der seit Jahren Spekulationsobjekt internationaler Konzerne ist. Wenn man für Orangen sieben oder sechs Cent das Kilo zahlt, dann sage ich, dass es keiner schafft, die Orangen für diesen Preis zu ernten, wenn er Tariflöhne zahlt und mit legalen Arbeitsverhältnissen."

Sirianni sagt, Betriebe, die mit Schwarzarbeitern die Ernte einfahren, würden bei Coldiretti ausgeschlossen. Wie viele das in letzter Zeit waren, sagt er nicht. In San Ferdinando gibt es zwei Lager: ein offizielles mit ordentlichen Zelten, Containern mit Waschgelegenheiten, Toiletten und Platz für 600 Menschen, und die "Barackopolis". Hier leben bis zu 3000 Migranten. Und alle teilen das gleiche Schicksal, fast alle werden in der Landwirtschaft ausgebeutet, damit auch in Deutschland billiger Orangensaft auf den Tisch kommt.

Sonderkommissar nach Aufständen

Weil es immer wieder Aufstände gab, weil die humanitäre Lage hier mitten in Europa kritisch wurde, hat das Innenministerium in Rom einen Sonderkommissar geschickt. Andrea Polichetti weiß um die schwierige Lage der Menschen in San Ferdinando: "Das sind reguläre Migranten, alle mit Aufenthaltsgenehmigung. Manche haben internationalen Schutz beantragt und warten auf den Ausgang des Verfahrens, manche können aus humanitären Gründen bleiben, bis hin zu denen, die subsidiären Schutz genießen."

Leid gerät schnell in Vergessenheit

Mamadou Dia hält diesen Ort für eine Schande für Italien, für eine Schande für Europa. In der Ebene von Gioa Tauro soll es 35.000 leerstehende Wohnungen geben. Warum man die Migranten trotzdem in den Baracken hausen lässt, ist ihm ein Rätsel. Er kennt das schon: Ein paar Tage schauen die italienischen Medien genauer hin, bis der Mord an dem jungen Erntehelfer wieder in Vergessenheit gerät.

Für ihn ist das traurige Routine: "Sowas passiert hier jedes Jahr. Für viele hier hat das Leben von Afrikanern keinen Wert. Denn das sind Arbeiter, die ausgebeutet werden und die man schlecht behandelt. Immer wieder kommt es vor, dass einer kommt, den sie verprügelt haben. Oder der Lohn wird verweigert: Erst dieses Jahr habe ich einen Jungen gesehen, der zwei Monate und neun Tage gearbeitet hat und sie haben ihn nicht bezahlt."

Soumayla Sacko hatte sich in einer Gewerkschaft engagiert, damit sich daran etwas ändert. Nach seinem Tod wurde ein 43-jähriger italienischer Landwirt festgenommen. Er soll Sacko erschossen haben, als er auf der Suche nach ein paar Blechen war für seinen Unterschlupf.

Italien: In der Migrationshölle San Ferdinando
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
13.06.2018 11:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Juni 2018 um 13:11 Uhr und 14:49 Uhr.

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