Mitarbeiter der Spurensicherung gehen in Schutzkleidung und Gasmasken neben einem Wagen, der in der Nähe des Tatorts im Fall Skripal steht. | Bildquelle: AP

Fall Skripal Schulterschluss gegen Russland

Stand: 13.03.2018 11:47 Uhr

Der Nervengift-Anschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Skripal in London droht zur internationalen Krise zu werden. NATO und USA erhöhen den Druck auf Russland. Moskau verlangt Zugang zu den Gift-Proben.

Die NATO zeigt sich im Fall des Nervengift-Anschlags in England gegen den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Yulia alarmiert. "Das Vereinigte Königreich ist ein hochgeschätzter Bündnispartner, und dieser Vorfall macht der NATO große Sorge", erklärte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Nach Angaben der britischen Premierministerin Theresa May ist Russland "höchstwahrscheinlich" für das Attentat verantwortlich.

Die NATO steht mit den britischen Behörden in Kontakt. "Der Einsatz von jeglichem Nervengas ist grauenhaft und vollkommen inakzeptabel", teilte Stoltenberg mit. Der frühere US-Botschafter in Moskau, Michael McFaul, sieht das Verteidigungsbündnis in der Pflicht: "Egal, ob es sich um ein versuchtes Attentat handelt oder um einen Terroranschlag, Präsident Trump muss antworten", twitterte er. "Die NATO muss antworten."

USA drohen mit "ernsthaften Konsequenzen"

Die westlichen Verbündeten stellten sich hinter Großbritannien. US-Außenminister Rex Tillerson sagte, die USA stimmten mit ihrem Verbündeten überein, dass Russland "wahrscheinlich" hinter der versuchten Ermordung Skripals stecke. Den Verantwortlichen, "sowohl denen, die das Verbrechen begangen haben, als auch denen, die es in Auftrag gegeben haben", müssten "angemessene, ernsthafte Konsequenzen" drohen, erklärte Tillerson nach einem Telefonat mit dem britischen Außenminister Boris Johnson.

Auch die EU zeigte sich beunruhigt. "Wir sind sehr besorgt", sagte der Vize-Präsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis. "Natürlich kann das Vereinigte Königreich auf die Solidarität der EU in dieser Frage zählen."

Auch Frankreich an der Seite Londons

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versicherte May in einem Telefonat seine "Solidarität", wie die britische Regierung mitteilte. Die beiden hätten "die vielen Muster aggressiven russischen Verhaltens" diskutiert und die Notwendigkeit eines konzertierten Vorgehens der Verbündeten.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Norbert Röttgen forderte Moskau zur Aufklärung auf. "Kooperiert Russland nicht, muss es gemeinsame westliche Antworten geben", sagte der CDU-Politiker. Er forderte ein entschiedeneres Vorgehen gegen dubiose russische Investitionen in der EU.

May macht Russland für Anschlag auf Skripal verantwortlich
tagesthemen 22:15 Uhr, 12.03.2018, Julie Kurz, ARD London

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May stellt Ultimatum an Russland

Die britische Premierministerin hatte zuvor in einer Rede vor dem Parlament schwere Vorwürfe gegen Moskau erhoben: "Es ist höchst wahrscheinlich, dass Russland für diese Tat verantwortlich ist", sagte May. Offizielle Stellen in Russland hätten den Anschlag entweder direkt in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht. Den Giftanschlag wertete sie als "willkürlichen und schamlosen Angriff auf das Vereinigte Königreich". Der russische Botschafter sei einbestellt worden.

Nervengift Nowitschok

Die Sowjetunion hat unter der Bezeichnung Nowitschok (zu deutsch Neuling) zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren eine Serie neuartiger Nervenkampfstoffe entwickelt. Die rund 100 Varianten gehören zu den tödlichsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden. Sie können über die Haut und die Atmung in den Körper gelangen.

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Selbst übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. Die englische Schreibweise der Kampfstoffe lautet Novichok.

Bis heute Abend müsse sich Moskau gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu dem Fall erklären. Sollte Russland bis dahin "keine glaubwürdige Antwort" geben, werde der Giftanschlag als "unrechtmäßiger Gewalteinsatz des russischen Staates gegen das Vereinigte Königreich" gewertet, sagte May. Sie werde dann eine "ganze Reihe von Gegenmaßnahmen" vorstellen.

Polizeiarbeit in Salisbury | Bildquelle: AFP
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Kurz nach ihrem Besuch im Pub "The Mill" waren Skripal und seine Tochter zusammengebrochen.

Die Polizei steht vor dem Restaurant Zizzi, das in Zusammenhang mit der mutmaßlichen Vergiftung des Doppelagenten Skripal steht. | Bildquelle: dpa
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Im Pub und auch in der Pizzeria "Zizzi" wurden Spuren eines Nervengiftes gefunden. Hier hatten die beiden Opfer zu Abend gegessen.

Mays Schuldzuweisung in Richtung Moskau bedeutete eine erhebliche Verschärfung der britisch-russischen Spannungen. Die russische Regierung reagierte mit Hohn auf Mays Auftritt vor dem Unterhaus. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa sprach laut russischen Agenturen von einer "Zirkusveranstaltung im britischen Parlament". Sie warf der britischen Regierung eine "politische Kampagne auf Grundlage von Provokationen" vor und sprach von "Märchen", die in London verbreitet würden.

Lawrow fordert Zugang zu Gift-Proben

Russlands Präsident Wladimir Putin wies Fragen des britischen Rundfunksenders BBC zu dem Fall zurück: Die Briten sollten der Sache "erst auf den Grund gehen, und dann werden wir darüber diskutieren".

Außenminister Sergej Lawrow wies eine Beteiligung Russlands strikt zurück. "Wir haben schon eine Erklärung abgegeben, dass das alles Quatsch ist. Wir haben damit nichts zu tun", sagte Lawrow in Moskau. "Russland ist nicht schuldig." Zugleich forderte er "Zugang" zu den Nervengift-Proben.

Die britische Innenministerin Amber Rudd berief für heute eine Sitzung des nationalen Krisenstabs COBRA ein, wie ihr Ministerium mitteilte. Die Zeitung "Telegraph" berichtete, der nationale Sicherheitsrat werde erneut zusammentreten.

Behörden werten Vergiftung als Mordversuch

Der 66-jährige Ex-Spion Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London zusammengesackt und bewusstlos auf einer Sitzbank aufgefunden worden. Sie wurden der Polizei zufolge Opfer eines Attentats mit Nervengift und befinden sich weiterhin in einem kritischen Zustand. Die britischen Strafverfolgungsbehörden werten die Vergiftung als Mordversuch. Ein Polizist ist ebenfalls schwer erkrankt, aber ansprechbar.

Nach dem Nachweis von Nervengiftspuren in einem Pub sowie einem Restaurant im englischen Salisbury riefen die Gesundheitsbehörden Besucher der Lokalitäten auf, ihre Kleidung und persönliche Dinge zu waschen. An den Ermittlungen sind mehr als 250 Beamte beteiligt, darunter 180 Soldaten. Zu ihnen zählen auch Experten für Chemiewaffen.

Der frühere Doppelagent soll den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 über russische Agenten in Europa informiert haben. 2004 flog der ehemalige Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU auf und wurde festgenommen. Er wurde zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Großbritannien.

Vergiftung von Ex-Spion: US-Außenminister Tillerson zeigt auf Russland
Marc Hoffmann, ARD Washington
13.03.2018 06:48 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. März 2018 um 22:15 Uhr.

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