Salesianer-Orden droht Bankrott Wer das Kleingedruckte nicht liest ...

Stand: 28.11.2012 09:42 Uhr

Kardinalstaatssekretär Bertone, die Nummer Zwei im Vatikan, hat zugegeben, dass er hereingelegt worden ist. In einer Erbschaftsangelegenheit seines Salesianer-Ordens hat er sich auf den Rat eines zwielichtigen Vermittlers verlassen. Weil der nun - laut Gericht zu Recht - 130 Millionen Euro verlangt, stehen die Salesianer vor dem Bankrott.  

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Tarcisio Bertone (Bildquelle: dapd)
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Bemühte sich um eine Einigung und verließ sich auf einen zwielichtigen Vermittler: Kardinalstaatssekretär Bertone

Marchese Alessandro Gerini war ein reicher und frommer Mann. Er vermachte vor 22 Jahren all sein Hab und Gut der Kirche, genauer den Salesianern - einem der größten und einflussreichsten Orden in der katholischen Kirche.

Den Neffen des Marchese gefiel das natürlich überhaupt nicht. Sie verwickelten den Orden in einen jahrelangen Rechtsstreit.

Und an diesem Punkt tritt auf einmal Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone auf den Plan, sagt die Journalistin Fiorenza Sarzanini vom Corriere della Sera: "Bertone hat gesagt: 'Beenden wir den Fall und geben den Erben etwas von dem Geld, und schließen so die anhängigen Verfahren.' Bertone war also für eine Einigung."

Salesianer stehen vor Bankrott
T. Kleinjung, ARD Rom
28.11.2012 08:24 Uhr

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Millionenhonorar plus 15 Prozent vom Erbe

Um diese Einigung zu ermöglichen, wird der Syrer Carlo Moisé Silvera eingeschaltet - kein Unbekannter für die italienischen Strafverfolgungsbehörden. Aber bei den Salesianern macht sich offenbar niemand die Mühe, den Leumund des 68-jährigen Geschäftsmanns zu prüfen. Und so kommt 2007 dank Silvera tatsächlich ein Vertrag mit den Angehörigen zustande.

Der Vermittler kassiert dafür das stolze Honorar von elf Millionen Euro. Doch damit nicht genug: Im Kleingedruckten des Vertrags steht, dass Silvera 15 Prozent des Erbes zustehen. Und das sind nach der Schätzung eines nicht minder zwielichtigen Gutachters 99 Millionen Euro. Die Salesianer fühlen sich hinters Licht geführt - zu Unrecht, wie ein Gericht in Rom nun festgestellt hat.

Die Journalistin Sarzanini erklärt: "Bertone sagt: 'Ich bin betrogen worden.' Die Richter sagen: 'Nein! Auch wenn ihr  euch mit einem Betrüger geeinigt habt, heißt das noch lange nicht, dass die Einigung Betrug ist.' Man kann sogar einen Pakt mit dem Teufel schließen. Und wenn ich das willentlich tue, dann ist der Pakt gültig."

Stichwort

Die Salesianer Don Boscos ("Gesellschaft des Heiligen Franz von Sales") sind eine Ordensgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche. Sie geht zurück auf den italienischen Priester Johannes Bosco (1815-1888), Don Bosco genannt, und wurde 1859 gegründet. Der Ordensgemeinschaft gehören weltweit mehr als 15.000 Mitglieder an.

Ordenssprecher wiegelt ab

Silvera verlangt vom Orden alles in allem 130 Millionen Euro und hat nun tatsächlich beste Chancen, dass er das Geld zugesprochen bekommt. Damit steht die ökonomische Existenz des Salesianer-Ordens auf dem Spiel, sagen Beobachter.

Don Donato Lacedonio, Sprecher des Ordens, bestreitet das im Gespräch mit dem ARD-Studio Rom: Betroffen sei in erster Linie die Stiftung, die im Auftrag der Salesianer das Erbe des Marchese Gerini verwalte: "Die Kongregation der Salesianer ist etwas anderes. Die wird ihren Verpflichtungen weiter nachkommen, weiterarbeiten und versuchen, Gutes zu tun - so wie sie es immer und überall auf der Welt gemacht hat."

Papst Benedikt XVI. und Tarcisio Bertone (Bildquelle: REUTERS)
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Die rechte Hand des Papstes, Kardinalstaatssekretär Bertone, dürfte möglicherweise in Kürze in den Ruhestand versetzt werden.

Bertone mit schlechten Karten

Besonders bitter ist das alles natürlich für Tarcisio Bertone, die rechte Hand des Papstes. Er ist schon seit langem angezählt. Der Dokumentenklau im päpstlichen Apartment hat sein Image noch weiter beschädigt, denn in vielen der Geheimdokumente erscheint der Salesianer als überfordert mit dem Amt des Kardinalstaatssekretärs, so Sarzanini: "Nach allem, was passiert ist in den letzten Monaten im Vatikan, nährt diese Geschichte natürlich die Zweifel daran, wie die eigenen Güter verwaltet werden."

Noch steht Papst Benedikt XVI. hinter seinem wichtigsten Mitarbeiter. Doch am 2. Dezember wird Bertone 78 Jahre alt. Das wäre ein guter Anlass, heißt es im Vatikan, den Kardinalstaatssekretär ohne Gesichtsverlust in den verdienten Ruhestand zu schicken.

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