Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat | Bildquelle: REUTERS

Neue Studie von Verfassungsschutz und BKA Wer sind die Islamisten aus Deutschland?

Stand: 23.09.2015 18:00 Uhr

Wer zieht von Deutschland für den IS in den Krieg in Syrien und im Irak? Verfassungsschutz und BKA haben nach Recherchen von NDR, WDR und SZ eine Studie zu Biografien und Motiven der Islamisten vorgelegt - mit überraschenden Erkenntnissen.

Von Volkmar Kabisch, NDR

Erstmals haben deutsche Sicherheitsbehörden Herkunft und Hintergrund der aus Deutschland nach Syrien und in den Irak ausgereisten Islamisten auf breiter Basis gründlich analysiert. 670 Fälle von bis Juni 2015 ausgereisten Dschihadisten wurden in einer Studie untersucht. Im vergangenen Jahr hatten die Autoren bereits eine Erhebung von etwas weniger als 400 Fällen vorgelegt. Nun verfüge man über eine ganz andere "Informationsdichte", so die Autoren. Die Erkenntnislage habe sich "merklich gesteigert."

IS mit dem stärksten Zulauf

Auf insgesamt elf Seiten beschreiben der Verfassungsschutz, das BKA und das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus die deutschen Dschihad-Reisenden: Bei der Hälfte von ihnen wissen die Behörden, dass sie sich islamistisch-dschihadistischen Gruppen angeschlossen haben, wobei der "Islamische Staat" (IS) mit 78 Prozent den stärksten Zulauf hat. Meist sind es Männer, aber die Frauen machen inzwischen 21 Prozent der Ausgereisten aus. Drei von ihnen sollen sich inzwischen sogar an Kampfhandlungen beteiligt haben.

Ganz grob lässt sich der deutsche Islamist, der Studie nach, so beschreiben: Er wohnte vor seiner Ausreise zumeist in Städten und ist durchschnittlich 25,9 Jahre alt, wobei der Anteil der 15- bis 18-Jährigen mit fast 80 Fällen auffallend hoch ist. 409 Dschihadisten wurden in Deutschland geboren - 399 besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. 160 davon haben noch eine zweite Staatsbürgerschaft. Etwa ein Drittel hat Kinder. 114 waren nicht von Geburt an Muslime, sondern konvertierten erst später zum Islam, die meisten vor dem 22. Lebensjahr.

Von 228 der 670 Fälle kennen die Behörden den höchsten Schulabschluss. Auffallend viele von ihnen sind gut gebildet. 82 Dschihadisten sollen Abitur oder Fachhochschulreife haben, 80 haben studiert, die meisten von ihnen jedoch keinen Abschluss gemacht. Fast doppelt so viele waren arbeitslos. 63 zogen direkt von der Schulbank in den Dschihad - etwa 20 direkt aus dem Gymnasium. Mehr als die Hälfte der Syrien-Reisenden war bereits durch Straftaten aufgefallen - zumeist durch Gewalt-, Eigentums- und Drogendelikte, aber auch einzelne Sexualstraftaten.

Überraschende Erkenntnisse über "Radikalisierungsfaktoren"

Überraschend und zugleich bedeutend sind die Erkenntnisse über die so genannten "Radikalisierungsfaktoren". Viel ist über die besondere Rolle des Internets geschrieben worden oder über die Rekrutierung in Haftanstalten. Das Internet spielt laut Studie zu Beginn der Radikalisierung tatsächlich in 30 Prozent der Fälle eine Rolle, aber Freunde (37 Prozent) und Kontakte in Moscheen (33 Prozent) sollen noch bedeutsamer sein. Da ist es nicht überraschend, dass sich die meisten auch gemeinsam mit Freunden auf die Reise in den Wahnsinn machen.

Nur in je neun Fällen der Ausgereisten sollen Kontakte in Haftanstalten zu Beginn und während der Radikalisierung eine Rolle gespielt haben. Allerdings ist fraglich, wie sich das so genau messen lässt. Von den 670 untersuchten Fällen sind 234 wieder nach Deutschland zurückgekehrt, 23 von ihnen sitzen in Haft.

Präventionsnetzwerk gegen Salafismus

Die Daten der Analyse sollen nun zur Grundlage für eine Strategie werden. Die Innenministerkonferenz will das bisherige und mäßig erfolgreiche Mittel, deutsche Islamisten mit Pass -und Personalausweisentzug an der Reise zu hindern, ergänzen: Ein Konzept zur "Implementierung von Präventionsnetzwerken gegen Salafismus" soll erarbeitet werden. Überzeugungs -und Sozialarbeit soll dazu führen, dass der IS künftig nicht mehr auf so viele deutsche Rekruten setzen kann. Zeit wird's, im Jahr vier nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs.

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