Gruppenbild der Frauen

Gewalt an Frauen in Pakistan Der Schönheitssalon für Säure-Opfer

Stand: 13.12.2014 13:05 Uhr

Säure-Attacken auf Frauen sind in Südasien weit verbreitet. Und sie werden fast nie bestraft. Allein in Pakistan werden jährlich rund 150 Vorfälle registriert. Ein Schönheitssalon ist für viele Opfer die Anlaufstelle für den Weg zurück ins Leben.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Südasien

Der noble Schönheitssalon liegt in einem schicken Vorort der pakistanischen Millionenmetropole Lahore. Es ist gerade Mittagspause. Die Angestellten sitzen im obersten Stockwerk beim Mittagsessen zusammen. Die zierliche Aisha würde gerne dazugehören. Die 26-jährige ist heute zum ersten Mal da: "Früher habe ich mein Gesicht versteckt, aber das mache ich jetzt nicht mehr“, erzählt Aisha selbstbewusst.

Aisha
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Aisha musste mit 14 Jahren den Mann heiraten, der sie später mit Säure angriff.

Aus ihrem linken Auge fließen ständig Tränen. Aisha kann es nicht schließen. Die Augenlider sind so vernarbt, dass sie nach außen geklappt sind und wie rohes Fleisch aussehen: "Gott schenkt mir die Kraft durchzuhalten. Ich will es schaffen." Der Täter war ihr Ehemann. Er zielte mitten ins Gesicht. Die Säure fraß sich nach der Attacke in Aishas Haut und in ihren linken Wangenknochen. Wo die ätzende Waffe die Kopfhaut traf, wachsen heute keine Haare mehr.

Als Kosmetikerin will Aisha lernen, wie man andere Frauen schöner macht. "Ich lebe heute wieder bei meinen Eltern im Dorf. Manchmal helfen sie mir, manchmal schämen sie sich für mich. Sie sind arm. Es ist nicht leicht. Ich will mein eigenes Geld verdienen, um mein Gesicht weiter behandeln zu lassen. Ich möchte auf eigenen Beinen stehen und etwas erreichen in meinem Leben. Ich durfte leider nur bis zur siebten Klasse zur Schule gehen. Ich wäre gerne Lehrerin geworden. Ich war 14, als meine Familie mich verheiratet hat."

Schwefel- und Salzsäure leicht zu erwerben

Die Familie brauchte nach einer schlechten Ernte dringend Geld. Aisha musste einen deutlich älteren Mann heiraten, der sie schlug und misshandelte. Immer wieder, bis er sie 2011 mit Säure angriff. Schwefel- oder Salzsäure lassen sich in Pakistan leicht besorgen. Beide Stoffe werden in der Landwirtschaft eingesetzt, der Verkauf wird kaum kontrolliert.

Aisha hat einen Teil ihres Gesichts verloren, ihr Mann läuft frei herum: "Es macht mich unglaublich wütend, dass Frauen wie ich keine Gerechtigkeit erfahren. Aber ich sage mir auch, dass Menschen untereinander nicht für Gerechtigkeit sorgen können. Nicht in Pakistan, denn wir haben kein gutes Justizsystem. Hier zählt nur das Geld und dass du ein Mann bist. Dann kannst du dir Gerechtigkeit kaufen."

Begegnung mit der "Frau ohne Gesicht"

Masarrat Misbah
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Masarrat Misbah sammelte Spenden und baute eine Stiftung auf.

Masarrat Misbah hört Aisha zu. Sie ist eine der bekanntesten Stylistinnen Pakistans. Masarrat schminkt die Reichen und Schönen aus der Film- und Musikbranche, aus Politik und Wirtschaft. Von Botox bis zum chemischen Peeling ist alles zu haben. Die grauhaarige Schönheit besitzt 35 Kosmetikstudios in Pakistan. Sie stammt aus einer reichen Familie und lebte ein sorgloses, üppiges Leben bis zu jenem Tag im Jahr 2003, an dem eine voll verschleierte Frau spät abends, kurz vor dem Abschließen, Masarrats größten Schönheitssalon in Lahore betrat und um Hilfe flehte.


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Als sie ihren Schleier zurückschlug, musste ich mich hinsetzen. Vor mir stand eine Frau ohne Gesicht", erinnert sie sich, "ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ihr fehlte ein Auge, sie hatte keine Nase. Ihr Kinn war ihr durch Vernarbungen auf dem Brustkorb festgewachsen. Ich musste mich setzen, meine Knie zitterten", erzählt Masarrat. Sie fand nachts nicht in den Schlaf und wälzte sich rum. Ihre erste Begegnung mit der Überlebenden eines Säureangriffs hat ihr Leben für immer verändert. 

Aufbau einer Stiftung

"Nach ungefähr einer Woche setzte ich dann eine Anzeige in die Zeitung, um weitere Opfer von Säure- oder Kerosinattacken dazu aufzurufen, sich bei mir zu melden. Ich setzte ein Datum für eine kostenlose medizinische Untersuchung. An diesem Tag kamen 42 Mädchen und Frauen. Sie kamen aus ganz Pakistan. Sie kamen zu mir. Ich musst mich wieder hinsetzen und dachte 'oh mein Gott.'"Am Anfang sammelte Masarrat Spenden, um den Betroffenen Operationen bei befreundeten Schönheitschirurgen zu ermöglichen. Inzwischen ist daraus eine Stiftung geworden. Und viele der fast 600 Frauen, die über die Jahre bei Masarrat Hilfe gesucht haben, sind inzwischen ihre Angestellten.

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Sie wurden zu Kosmetikerinnen ausgebildet.

"Ich versuche ihnen Alternativen anzubieten", erzählt Masarrat. Es ist nicht so, dass ich aus allen Frauen Kosmetikerinnen machen will. Aber ich denke auch, dass in jeder Frau der Wunsch nach Schönheit steckt. Die meisten Frauen sind eitel. Doch die Gesellschaft tut sich schwer damit, diese Frauen als Kosmetikerinnen zu akzeptieren. Viele Kundinnen kommen höflich zu mir und fragen mich, ob sie jemand anderen für ihre Behandlung haben können. Aber ich sage ihnen dann: Ihr könnt einen anderen Salon wählen, aber diese Frauen habe keine Wahl. Ich sage ihnen auch: Wenn die Behandlung nicht zufriedenstellend ist, müssen sie nichts bezahlen. Aber meine Angestellten haben eine Chance verdient. Schau´ ihr nicht ins Gesicht, schau´ auf ihre Arbeit."

Mehr als 100 Operationen

Sabra
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Sabra ist 37 Jahre alt und hat bereits 100 Operationen hinter sich.

Sabra gehörte zu den ersten Frauen, denen Masarrat geholfen hat. Die 37-jährige hat inzwischen über 100 Operationen hinter sich. Die Säure, die ihr Mann ihr entgegen schleuderte, fraß sich vor allem in ihren Hals und Brustkorb. Die Vernarbungen schnürten ihr die Kehle zu. Sabras Stimme lässt die Qualen erahnen, die sie ertragen musste. Sie ist heiser und fistelig. "Anfangs habe ich die starrenden Blicke kaum ausgehalten. Ich habe mich schlecht und hässlich gefühlt. Aber ich habe wie andere überlebt. Masarrat, der neue Job, das alles schenkt uns Selbstbewusstsein. Wir fühlen uns ziemlich normal. Ich arbeite auch für die Regierung, ich bin als Gesundheitsaufklärerin unterwegs und helfe dabei, Kinder zu impfen. Ich bin also jeden Tag unter Menschen."

Sabra will nicht mehr zurückblicken. Auch ihr Mann blieb straffrei. Sie ist heute eine ausgebildete Kosmetikerin und betreibt einen eigenen, gut gehenden Salon. Bei einem ihrer Aufklärungsrundgänge für die Gesundheitsbehörde stieß sie in einem kleinen Lehmhaus auf die verätzte Aisha. Es war Sabra, die Aisha ermutigt hat, sich nicht mehr länger zu verstecken.

Dieser Beitrag lief am 11. Dezember 2014 um 22:50 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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