Die beiden Jesidinnen Nadia Murad (li.) und Lamija Adschi | Bildquelle: dpa

Sacharow-Preis für Jesidinnen Vom Opfer zur Kämpferin

Stand: 13.12.2016 02:31 Uhr

Sie haben unvorstellbares Leid durch den IS erfahren: Heute setzen die Jesidinnen Nadia Murad und Lamija Adschi ihre Stimmen ein, um über die Gräueltaten der Terrormiliz aufzuklären. Dieser Mut wird heute mit dem Sacharow-Preis gewürdigt.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Das Martyrium von Nadia Murad und Lamija Adschi begann vor mehr als zwei Jahren, am 3. August 2014. An diesem Tag überfiel die Terrororganisation "Islamischer Staat" den Heimatort der beiden Frauen im irakischen Sindschar-Gebirge. Die Extremisten töteten alle Männer und älteren Frauen des Ortes, darunter auch Nadias sechs Brüder und ihre Mutter. Die jüngeren Frauen und Kinder wurden versklavt.

"Wir wurden mit einem Bus in eine andere Region gebracht", berichtete Nadia später in einer bewegenden Rede vor den Vereinten Nationen. "Sie berührten und demütigten uns. Wir kamen nach Mossul, zusammen mit Tausenden anderen jesidischen Familien. Wir wurden wie Geschenke unter den IS-Kämpfern ausgetauscht." Auch Nadia wurde auf diese Weise ausgesucht, erzählte die junge Frau weiter: "Ein Mann zwang mich zu sich nach Hause. Er vergewaltigte mich, folterte mich. Als ich versuchte, zu fliehen, brachte er mich zu den Wächtern. Sie vergewaltigten mich alle gemeinsam, bis ich ohnmächtig wurde."

alt Andrej Dmitrijewitsch Sacharow

Sacharow-Preis

Der Sacharow-Preis wurde 1988 zu Ehren des sowjetischen Atomphysikers Andrej Sacharow eingeführt. Er war an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe beteiligt. Für sein Engagement als Regimekritiker erhielt Sacharow den Friedensnobelpreis.
Erster Sacharow-Preisträger war der südafrikansiche Präsident Nelson Mandela. Er und die späteren Geehrten erhielten die Auszeichnung für ihr Engagement für die Menschenrechte.
Der "Sacharow-Preis für geistige Freiheit" wird vom Europäischen Parlament verliehen. Die Fraktionen können Vorschläge machen, Ausschüsse wählen die drei Finalisten, der Präsident des Parlaments bestimmt den Gewinner. Der Sacharow-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert.

"Die Verbrechen müssen aufhören - heute"

Mithilfe einer Nachbarsfamilie gelang Nadia nach einigen Monaten schließlich die Flucht. Sie konnte aus dem IS-Gebiet herausgeschmuggelt werden und schaffte es nach Deutschland. 2015 sprach sie vor dem UN-Sicherheitsrat über ihre Geschichte und appellierte eindringlich: "Ich bitte Sie: Besiegen Sie den IS. Ich bin wegen der Terroristen durch die Hölle gegangen. Ich hab gesehen, was sie kleinen Mädchen und Jungen angetan haben. Alle diejenigen, die diese Verbrechen, den Völkermord begangen haben, müssen vor Gericht gestellt werden, damit Frauen und Kinder in Syrien und im Irak sicher leben können. Diese Verbrechen müssen aufhören - heute."

Zwangsheirat, Vergewaltigung, vergebliche Fluchtversuche

Nadia ist UN- Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel geworden und versucht, Flüchtlingen aus dem Irak und aus Syrien zu helfen. Ihre Leidensgenossin Lamija, die ebenfalls mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet wird,  ist weniger bekannt, obwohl sie es noch schwerer hatte.  Sie wurde in Mossul zwangsverheiratet und vergewaltigt, unternahm mehrere Fluchtversuche, um dem IS zu entkommen - doch sie wurde immer wieder gefasst.

Erst im April dieses Jahres konnte sie schließlich entkommen, doch IS-Kämpfer verfolgten sie. Eine Tretmine explodierte, tötete zwei ihrer Gefährten und verletzte Lamija schwer. Sie ist nahezu völlig erblindet. Trotz ihrer schweren Verletzungen konnte sie ihre Verfolger abschütteln und schaffte es schließlich nach Deutschland. Hier wurde sie medizinisch behandelt und engagiert sich mittlerweile in Aufklärungskampagnen.

Hunderte Jesidinnen wohl noch in Mossul gefangen

Der Sacharow-Preis für Menschenrechte - er widmet sich diesmal aus aktuellem Anlass den Gräueltaten der Terrororganisation IS. Währenddessen versuchen im Nordirak die irakischen Streitkräfte und ihre Verbündeten zusammen mit der internationalen Anti-IS-Koalition die Großstadt Mossul vom IS zu befreien und damit auch möglicherweise Hunderte verschleppte Jesidinnen zu retten, die dort immer noch gefangen gehalten werden.

"Es befinden sich immer noch mehr als 3000 jesidische Frauen in der Gefangenschaft der IS-Terroristen in Mossul", sagt der irakische Parlamentsabgeordnete Hadsch Kandour: "Als Vertreter der Jesiden fordere ich die irakische Regierung auf, beim Sturm auf Mossul das Leben dieser Frauen zu schützen."

Für die Leidensgenossinnen von Nadia und Lamia ist das Martyrium in den Händen der Terrormiliz noch immer nicht zu Ende.

Sacharow-Preis für irakische Jesidinnen
A. Osius, ARD Kairo
12.12.2016 21:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio am 13. Dezember 2016 um 05:50 Uhr.

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