Kommentar: "Was normal ist, bestimmt die Regierung in Moskau"

Kommentar

Festnahmen bei Protesten gegen Verbot von

Gesetz zur "Homosexuellen-Propaganda" in Russland

"Was normal ist, bestimmt die Regierung"

Man möchte sie am liebsten wachrütteln und ihnen zurufen: Wollt ihr zurück in finsterste Zeiten der Sowjetunion, als Homosexualität als Straftat verfolgt und als psychische Krankheit eingestuft wurde? Die 388 Abgeordneten der Duma, des russischen Parlaments, die heute in erster Lesung mit überwältigender Mehrheit für das Verbot homosexueller Propaganda gestimmt haben, sehen anscheinend nicht, was sie da gerade anrichten.

Damit ist sehr wahrscheinlich, dass in ganz Russland Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle bestraft werden, wenn sie in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen, sich outen oder einfach nur für Gleichberechtigung eintreten. Ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte, in denen das Recht auf freie sexuelle Orientierung verankert ist.

Gesetz macht Schwule und Lesben zu Menschen zweiter Klasse
S. Laack, WDR Moskau
25.01.2013 19:53 Uhr

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Offiziell Menschen zweiter Klasse

Die Zustimmung zu diesem Gesetz ist ein katastrophaler Schritt: Offiziell werden Schwule und Lesben zu Menschen zweiter Klasse. In der homophoben russischen Gesellschaft können sie bislang ohnehin nur sehr eingeschränkt zu ihren sexuellen Neigungen stehen. Sie laufen nicht nur Gefahr angepöbelt und ausgegrenzt zu werden, sondern müssen auch damit rechnen, auf offener Straße angegriffen zu werden.

Vor der Duma mussten sich heute homosexuelle Aktivisten von russisch-orthodoxen Christen mit faulen Eiern und Farbe bewerfen lassen, nur weil sie für ihre Rechte demonstrierten. Auch heute gab es keinen Schutz von den Sicherheitskräften vor Ort – ganz im Gegenteil: Die Demonstranten wurden festgenommen. Das ist bei weitem kein Einzelfall.

Das Drama setzte sich dann wenig später in der Duma fort. Anstatt sich der Aufgabe zu stellen, Minderheiten in der russischen Gesellschaft zu schützen, haben die Abgeordneten ein verheerendes Signal gegeben. Und ihre Scheinheiligkeit kennt dabei keine Grenzen. Es geht angeblich darum, Kinder und Jugendliche vor homosexueller Propaganda zu schützen und ihnen eine "normale" sexuelle Entwicklung zu ermöglichen. Und was normal ist, legt die russische Regierung fest: Für alles andere als die klassische Mann-Frau Beziehung - möglichst noch mit dem Segen der russisch-orthodoxen Kirche - ist in Russland kein Platz.

Anders zu sein, ist offiziell unerwünscht

Schwul, lesbisch, bi - oder transsexuell zu sein wird offiziell zu etwas Schlechtem, Unerwünschtem erklärt. Und nicht nur das: Es wird der Eindruck erweckt, als versuchten Homosexuelle wehrlose Kinder und Jugendliche mithilfe "ihrer Propaganda" gefügig zu machen.

Russland unter Präsident Putin braucht anscheinend seine Feindbilder und wird nicht müde, immer neue zu kultivieren: Mal ist es die westlich gesteuerte Opposition, die das Land ins Chaos stürzen will, mal sind es "böse Amerikaner", die adoptierte russische Kinder misshandeln und nun also Homosexuelle, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Grenzenlos ist in Russland nur das System der Ausgrenzung. Für das Ziel einer patriotischen linientreuen Gesellschaft, die keinen Widerspruch und kein Anderssein duldet, ist anscheinend jedes Mittel recht. Aufklärung, Solidarität und die Menschenrechte bleiben dabei auf der Strecke.

Stand: 25.01.2013 19:52 Uhr

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