Russische Sicherheitskräfte bei einer Übung im Vorfeld der WM | Bildquelle: ANATOLY MALTSEV/EPA-EFE/REX/Shut

Fußball und Terror Russland zwischen Euphorie und Angst

Stand: 06.06.2018 11:24 Uhr

Die russischen Sicherheitsdienste rechnen mit großer Terrorgefahr bei der kommenden WM. Grund ist auch der Umgang Russlands mit Arbeitern aus Zentralasien, die unter hohem Zeitdruck die Stadien bauen.

Von Birgit Virnich, ARD-Studio Moskau

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft will sich Russland von seiner besten Seite zeigen. Dafür wird Präsident Wladimir Putin so einiges tun: Zwölf Stadien in elf Städten wurden um- und ausgebaut. Tausende Migranten aus Tadschikistan und Usbekistan arbeiteten dafür im Akkord und den ganzen Winter durch bei manchmal minus 20 Grad.

Der 28-jährige Tagelöhner Said
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Polizisten machten regelrecht Jagd auf Migranten, erzählt der 28-jährige Tagelöhner Said.

Damit alles rechtzeitig fertig wird, nutzt Russland ein System von Wanderarbeitern - ein Heer billiger Arbeitskräfte. "Mehr als die Hälfte der Migranten geraten jedoch an Betrüger," sagt der 28-jährige Tagelöhner Said aus Tadschikistan - "gerade im Vorfeld der WM."

In Russland gebe es viele Arbeitgeber, die den versprochenen Lohn nicht auszahlten. "Oder sie geben nur einen kleinen Teil und rufen dann die Polizei, damit sie die Arbeiter ausweisen." Er habe das oft gesehen und auch am eigenen Leib erfahren: "Nachts machen Polizisten regelrecht Jagd auf Migranten."

"Sie halten die Menschen wie Sklaven"

Der Moskauer Anwalt Bakhrom Khamroew sagt, man bereichere sich an den meist wehrlosen Arbeitsmigranten. Die Arbeitgeber sammelten die Pässe ein, die Wanderarbeiter arbeiteten dann ein halbes Jahr lang ohne Lohn, wohnten in einfachen Unterkünften. "Und eines schönen Tages bestellen dann die Arbeitgeber ein Polizeiaufgebot und eine Abordnung der Migrationsbehörde, die die Leute in Busse verfrachtet und abschiebt. So halten sie die Menschen wie Sklaven und lassen sie einfach ausweisen."

Viele Migranten fühlen sich wie Freiwild, ausgebeutet und gejagt von der Polizei. Und dieses Gefühl, sagt der Terrorexperte Peter Neumann, führe bei manchen dazu, dass sie für die Botschaften extremistischer Prediger ansprechbar seien.

Angeworben werden die Migranten auf den Baustellen selbst, in kleinen Moscheen in Hinterhöfen und in den sozialen Netzwerken. Dort tauchen immer mehr Werbevideos auf Russisch auf. Es gibt sogar welche, die sich direkt an tadschikische Wanderarbeiter wenden. "Die Zahl russisch sprechender Dschihadisten wächst", sagt Neumann.

Fahndungsplakate auf den Märkten

Tadschikistan gilt als das Armenhaus Zentralasiens. Nur wenige haben in dem Hochgebirgsland einen sicheren Arbeitsplatz. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist es dem Land nicht gelungen, eine eigenständige Wirtschaft aufzubauen. Fast 70 Prozent der Männer arbeiten in Russland oder schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Es gibt ganze Dörfer, in denen fast nur Frauen und Kinder leben. Die Männer arbeiten in Russland. Und dort haben sich einige radikalisiert.

Mittlerweile gibt es in Tadschikistan ganze Landstriche, aus denen Dutzende Menschen in den sogenannten heiligen Krieg nach Syrien gezogen sind. Auf den Märkten hängen Fahndungsplakate von mutmaßlichen Dschihadisten, die für den IS kämpfen. 80 Prozent der Tadschiken, die in den Krieg gezogen sind, kommen aus der Arbeitsmigration in Russland.

Luschniki-Stadion Moskau | Bildquelle: AP
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Im Luschniki-Stadion in Moskau wird das Finale der WM ausgetragen.

Putin im Fadenkreuz

So tauchen nun rund um die WM Warnungen von Islamisten in den sozialen Netzwerken und Chatrooms auf: Lionel Messi in den Händen eines Dschihadisten in einem Stadion oder Präsident Putin im Fadenkreuz. Das Bundeskriminalamt warnt vor einer erhöhten Terrorgefahr während der WM. Die Aufrufe zur Gewalt gehen laut russischem Inlandsgeheimdienst fast ausschließlich von Unterstützern des IS aus - nicht direkt von offiziellen IS-Absendern.

Russland beteuert, das Terrorproblem im Griff zu haben. Kein Wort der Führung, dass das Land  selbst längst Zentrum für islamistische Rekrutierer geworden ist. Russland, das sich gern als der wichtigste Terrorbekämpfer in Syrien präsentiert, ist längst selbst eines der Zentren islamistischer Extremisten geworden.

"Die Zusammenarbeit in der Terrorismusbekämpfung ist schwierig, weil Russland es ausschließlich als Sicherheitsproblem sieht", sagt Terrorexperte Neumann. Moskau habe überhaupt kein Interesse daran, mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten oder andere Ressourcen zu mobilisieren als die Nachrichtendienste und die Polizei. "Dadurch erreicht man das Gegenteil: Dass diejenigen, die keine Terroristen sind, sich durch die harsche Behandlung Russlands diskriminiert fühlen und sich möglicherweise radikalisieren lassen."

Den Film "Der Fußball und der Terror: Russlands WM zwischen Euphorie und Angst" sehen Sie am Abend ab 22.10 Uhr im WDR.

Über dieses Thema berichtete der WDR in „Die Story“ am 06. Juni 2018 um 22:10 Uhr.

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