Bauarbeiter vor Pipeline

Russische Wirtschaft Überleben im Energiesparmodus

Stand: 18.03.2018 04:33 Uhr

Trotz steigender Ölpreise hat sich die Wirtschaftsdynamik in Russland verschlechtert. Nach der Wahl muss der neue Präsident daher vor allem die angeschlagene Wirtschaft wieder auf die Beine bringen.

Von Palina Milling, ARD-Studio Moskau

Um die russische Wirtschaft ist es seit langem schlecht bestellt. Zuerst erlebte Russland die Finanzkrise 2008, dann kamen 2014 die Sanktionen des Westens. Daran hat sich das Wirtschaftssystem angepasst, für Wachstum reicht das aber nicht.

Dabei waren die Prognosen schon im Jahr 2013 pessimistisch - wegen einer zu starken Abhängigkeit von den Geschäften mit Erdöl und Erdgas und hoher Kapitalflucht. All das treibt Russlands Wirtschaft weiter weg von der Stabilisierung.

Für Entwicklung fehlt das Geld

Für eines der größten Hemmnisse der Entwicklung hält Wirtschaftsanalytiker Michail Chasin die "absolut schaurige Demonetarisierung" der Wirtschaft. "Es herrscht ein Defizit an Geld, die Zinssätze für Kredite sind hoch."

Die Sanktionen haben Banken und Unternehmen vom billigen Geld im Ausland abgeschnitten, erklärt die Politikwissenschaftlerin Jewgenija Albats. Dadurch sei eine "Bankrott-Kette" in Gang gesetzt worden. Unternehmen müssten sich überteuertes Geld bei den Inlandsbanken leihen und könnten es später nicht zurückzahlen. Als Folge gingen die Unternehmen und die Banken in Konkurs. Für die letzteren hält dieser Trend seit langem an: Seit 2008 ist die Anzahl der Banken in Russland um die Hälfte geschrumpft.

Widersprüche und wenig Verbesserung

Auch die Entwicklung der Gesamtwirtschaft bleibt hinter den Erwartungen zurück. Das Bruttoinlandsprodukt Russlands ist 2017 bescheiden gewachsen - um 1,5 Prozent.

Gebremst wurde das Wachstum durch das Abrutschen der Verarbeitungsindustrie und des Erdöl- und Erdgassektors. Die Wirtschaftsdynamik hat sich verschlechtert, obwohl die Erdölpreise kontinuierlich gestiegen sind, betont Natalja Akindinowa von der Moskauer Wirtschaftshochschule gegenüber mehreren russischen Medien.

Mitarbeiter von Gazprom arbeitet an einem Gasregler
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Das Wachstum wurde auch durch das Abrutschen des Erdgassektors gebremst. Hier ein Gazprom-Mitarbeiter bei der Arbeit.

Menschen verarmen

Am schlimmsten trifft es bislang die Bevölkerung. Inflationsbereinigt steigen zwar die Reallöhne, das Einkommen der Menschen sinkt aber unaufhaltsam weiter. "Die soziale Situation ist katastrophal. Ein Drittel der Russen hat monatlich weniger als das Existenzminimum zur Verfügung", sagt Michail Chasin. Die Zahlungskraft ist auf dem Niveau von vor neun Jahren, schätzen die Experten der Moskauer Wirtschaftshochschule.

Die Geldsorgen machen den Menschen zu schaffen. Laut einer Studie der Russischen Akademie der Wissenschaften gibt mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu, dass sich ihre Lebensqualität verschlechtert hat. Und mehr als zwei Drittel glauben, dass sich an der Situation im Land nichts ändern wird oder dass Russland vor schwierigen Zeiten steht.

Die Forscher stellen fest: Jeder Zweite wünscht sich Veränderungen und erwartet von der Regierung einen erfolgreichen Kampf gegen Korruption, mehr Engagement für Wirtschaftsreformen und Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung und im Bildungsbereich.

Putins Aufgaben

Genau solche Reformen peilt Wladimir Putin an, wie er in seiner Rede an den Föderationsrat erwähnt hat. Bevor er in Videos Raketen aufsteigen ließ, sprach er über diese Reformen. Mehr Geld für Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten. Die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft wolle er durch Investitionen in die Forschung stärken.

Russlands Präsident Wladimir Putin | Bildquelle: MICHAEL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREML
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Russlands Präsident Wladimir Putin bei seiner Rede an die Nation. Er hat bereits Reformen versprochen.

Um das zu erreichen, müsste Putin nach der Wiederwahl einen linkskonservativen Kurs einschlagen, sagt Chasin - "ähnlich wie in der Sowjetunion unter Stalin. Viele private Kleinunternehmer, dafür die Großbetriebe unter Staatskontrolle". Dafür müsste Putin aber die gesamte Regierungselite entlassen, weil sie einen anderen Kurs verfolge.

Politologin Jekaterina Schulmann schätzt jedoch, dass ein radikaler Schnitt eher unwahrscheinlich ist. "Die heutige politische Maschine befindet sich in einem Niedrig-Ressourcen-Zustand und arbeitet im Energiesparmodus, indem sie sich eher mit dem Überleben als mit der Expansion beschäftigt."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. März 2018 um 02:00 Uhr.

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