Brillendesigner Artjom | Bildquelle: Florian v. Stetten

Russland vor der Wahl Der Traum vom guten Leben

Stand: 12.03.2018 15:23 Uhr

Viele Russen wünschen sich Veränderungen - und ganz allmählich entsteht eine Zivilgesellschaft, die über die Zukunft mitreden will. Präsident Putin wird wohl dennoch wiedergewählt.

Von Florian von Stetten, WDR

Bremen liegt vor den Toren Moskaus. Die originalgetreuen Stadtmusikanten stehen vor einem rotweiß gestreiften Schlagbaum, dahinter ein paar mickrige Tannen als erste Bepflanzung vor sogenannten Town-Häusern. Ludmilla und Wladislaw haben sich hier so ein Haus gekauft. Es gibt noch andere "europäische" Vororte, zum Beispiel Cambridge oder Deauville. Warum wollen die beiden hier wohnen? "Wir lieben es ganz und gar europäisch", meint Ludmilla, "den Komfort, die Sicherheit." Die beiden sind Anfang vierzig, gehobener Mittelstand, ihr Geld verdienen sie als Innenausstatter. In ihrem Haus haben sie sich für eine Mischung aus Toskana und Skandinavien entschieden.

Die Bremer Stadtmusikanten in einem Moskauer Vorort | Bildquelle: Florian v. Stetten
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Diese Stadtmusikanten stehen in einem Moskauer Vorort.

Nachbarn kommen vorbei: Juri und Olga. Europa bedeutet auch für sie Lebensqualität. Fragt man nach europäischen Werten sind sich Wladislaw und Juri einig: Freiheit sei eine heikle Angelegenheit, zu viel davon könne der Gesellschaft schaden.

Wie wichtig ist Freiheit?

Tatsächlich hat die russische Gesellschaft für Konsumforschung herausgefunden, dass Freiheit für viele Russen nicht das Wichtigste ist. Sie landet erst auf Platz sieben, bei den Deutschen auf Platz zwei, wenn man nach Werten fragt. Olga und Ludmilla, die beiden Ehefrauen, schweigen andächtig. Geht es für sie wirklich nur um getrockneten Lavendel und toskanische Fliesen, wenn sie an Europa denken?

Draußen, auf den zugigen Schotterstraßen vor den Town-Häusern, wird Ludmilla plötzlich ganz direkt: "Hier darf man nicht alles sagen. Und wenn wir wählen gehen, hat unsere Stimme kein Gewicht!". Für die beiden Frauen steht Europa für Bürgerrechte. Der relative Wohlstand, für den sie Putin durchaus dankbar sind, reicht ihnen nicht mehr.

Angst vor Veränderungen?

Nach einer Untersuchung der russischen Akademie der Wissenschaften wollen inzwischen 42 Prozent aller Russen Veränderungen. Gleichzeitig haben viele auch Angst davor. Denn die Veränderungen, die der Zerfall der Sowjetunion unter Boris Jelzin brachte, waren eine traumatische Erfahrung. Freiheit - das bedeutet für viele auch: Chaos.

Jelzinmuseum in Jekatarinenburg | Bildquelle: Florian v. Stetten
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Jelzinmuseum in Jekatarinenburg: "Freiheit als gemeinsames Ideal"

Streng schaut Boris Jelzin herab: weißer Marmor, eine schmale hohe Stele, ganz oben der akkurat gescheitelte Kopf des ersten Präsidenten der Russischen Föderation. Der Marmor-Jelzin steht in seiner Geburtsstadt Jekaterinburg. Dahinter eine Art Freitreppe, hinauf zum Foyer des Jelzin-Centers, eines hypermodernen Museumsbaus in der Millionenstadt am Ural.

Freiheit kein gemeinsames Ideal mehr

Deckenhohe Multimedia-Installationen. Historische Filme, die auf die Wände projeziert werden. Ein eigener "Freiheitssaal" - das ist Marinas Reich. Sie ist Historikerin und führt Besucher durchs Museum. "Zu Jelzins Zeiten hatte die russische Gesellschaft noch ein gemeinsames Ideal, nämlich die Freiheit", sagt Marina, "das gibt es heute nicht mehr."

Beim Gespräch sitzt sie neben einer übergroßen Jelzin-Figur auf einer Museumsbank. Jetzt ist Putin der Übervater. In Marinas Augen ist er an die Stelle einer verbindenden Idee getreten: "Menschen mit ganz unterschiedlichen Werten wählen Putin, das muss man verstehen!"

Lasst uns einfach mal machen!

Überall riecht es nach Holz. Eine winzige Präzisionssäge formt aus sibirischer Birke eine Brille. Im alten Bürogebäude im sibirischen Krasnojarsk herrscht die Atmosphäre eines Berliner Startups: Hipster-Bärte und Designerbrillen, draußen treibt der Schnee vorbei. Artjom und Fedja haben sich selbständig gemacht, weil sie unabhängig sein wollten. Politik interessiert sie "null". "Wir sind für Leute, die was machen, die nicht nur über Politik quasseln", sagt Fedja. Jammern und warten, bis irgendjemand die Probleme löst, das sei der Fehler in Russland. Wer regiert, sei da gar nicht so wichtig.

Brillendesigner Fedja | Bildquelle: Florian v. Stetten
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Der Brillendesigner Fedja interessiert sich nicht für Politik in Russland.

Brillenherstellung des Designers Artjom | Bildquelle: Florian v. Stetten
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Artjom und Fedja haben es geschafft, ihre Brillen auf dem internationalen Markt anzubieten.

Die beiden haben es geschafft, ihre Brillen auf dem internationalen Markt anzubieten. Sie reisen zu Messen nach Italien, Frankreich oder Deutschland. Für einen Messestand gibt es sogar Unterstützung vom Staat. "Ja, hier kann man nicht alles sagen. Wenn Du Dich als Schwuler outen willst, musst Du halt nach Deutschland gehen!" Artjom findet das nicht so schlimm, solange es nicht ihn betrifft.

Noch reicht den beiden die Freiheit, Geschäfte zu machen, sie selbst haben nie Einschränkungen erfahren. "Für Korruption oder Schwierigkeiten mit Behörden sind wir noch zu klein", sagt Fedja. Sie träumen von geschäftlichem Erfolg, einem Segelboot, einer Familie. Die beiden sind viel durch Europa gereist, fühlen sich als Teil einer jungen, hippen Community. Dieses Lebensgefühl werden sie sich wohl nicht mehr nehmen lassen.

Mag sein, dass für die Mehrheit der Russen die Politik Putins immer noch mehr Vor- als Nachteile bringt. Doch es sieht so aus, als würden die Ansprüche steigen. Die Eroberung der Krim, das neue Selbstbewusstsein nach Außen, und der bescheidene Wohlstand können nicht mehr verdecken, dass es einen Wunsch nach Veränderung gibt. Mit oder ohne Putin.

Über dieses Thema berichtete die Reportage "Die Story im Ersten: Russland - Der Traum vom guten Leben" am 12. März 2018 um 22:45 Uhr.

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