RTVi-Moderator Tichon Dzjadko mit Studiogästen

Talkshow-Sender RTVi Hitziger Talk zwischen Moskau und Washington

Stand: 29.06.2017 02:42 Uhr

Der russischsprachige US-Sender RTVi bringt Russen und Amerikaner in Talkshows zusammen. Die Sendungen werden in Washington und Moskau produziert. Sie sollen als Brücke der Verständigung dienen - und zeigen, wie unterschiedlich das Denken auf beiden Seiten sein kann.

Von Daniel Donath, ARD-Studio Washington

Der russische Abgeordnete Sergej Kalaschnikow ist trotzig. "Wir haben doch mit der Propaganda nicht angefangen", wirft er seinen US-amerikanischen Gesprächspartnern entgegen. Die sitzen Tausende Kilometer entfernt in einem Washingtoner Fernsehstudio. Sie wundern sich über die Emotionalität Kalaschnikows. Für sie ist ein solch heftiges Auftreten in einer politischen Talkshow eher ungewohnt.

Es geht hitzig zu bei "Hier und Dort" - einer Polit-Talkshow des russischsprachigen Senders RTVi, die gleichzeitig und live in Moskau und Washington stattfindet. In beiden Städten sitzen die Gäste in einem Studio jeweils einem Moderator gegenüber. Das Thema, zu dem Kalaschnikow eingeladen ist, lautet Propaganda.

"Hier und Dort" soll eine Brücke sein

"Hier und Dort" soll eine Brücke zwischen Russland und den USA bilden. "Bei uns treffen zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen aufeinander - die amerikanische und die russische", sagt Tichon Dzjadko, Moderator in Washington. Er stammt aus Russland. Und dort ist der 30-Jährige kein Unbekannter. Jahrelang moderierte er Sendungen beim regierungskritischen TV-Sender "Doschd".

Seit zwei Jahren lebt Dzjadko in Washington. In dieser Zeit sind die Beziehungen zwischen den beiden Staaten immer schlechter geworden.

Dzjadko setzt darauf, in der neuen Sendung die währenddessen entstandene Sprachlosigkeit überwinden zu können. Er sagt: "Wenn der Gesprächsfaden anderswo abbricht, halten wir das Gespräch aufrecht." Vielleicht entstehe dadurch auch ein Dialog zwischen Moskau und Washington, so Dzjadko.

Russischsprachiges Informationsmedium weltweilt

Die Zuversicht Dzjadkos ist auch Ausdruck des neuen Selbstverständnisses von RTVi. Lange Zeit galt der Sender als TV-Kanal für russische Auswanderer. Nun soll sich das Konzept grundlegend ändern. Mit neuen TV-Shows wie "Hier und Dort", moderner Aufmachung und einem überarbeiteten Redaktionskonzept will sich der Sender als russischsprachiges Informationsmedium weltweilt etablieren.

RTVi-Moderator Tichon Dzjadko | Bildquelle: ARD
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RTVi-Moderator Tichon Dzjadko

Durch Unabhängigkeit und Objektivität soll RTVi vor allem ein Gegenmodell zu den kremlfinanzierten Medien darstellen. "Wir sind weder von der Opposition noch vom Kreml noch vom US-Außenministerium abhängig. Für uns zählt nur ein gut informierter Zuschauer", sagt Tichon Dzjadko.

Zahl der Zuschauer soll auf 90 Millionen steigen

RTVis Marketingbeauftragter Nikita Stepanow ist von einem langfristigen Erfolg des Senders überzeugt. Nicht aufwühlen, sondern informieren soll RTVi.

Stepanow sagt: "Die Menschen sind es leid, im Fernsehen angeschrien zu werden." Alles sei schlecht und die Welt nur schwarz und weiß. "Dem halten wir entgegen: Der Zuschauer kann selbst denken und entscheiden." Laut Stepanow sollen die Zuschauerzahlen in den kommenden drei Jahren von 20 Millionen bis auf 90 Millionen steigen.

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Wer sind die Geldgeber?

Es ist ein ehrgeiziges Projekt. Und am Geld soll es nicht scheitern. Etwa 60 Millionen US-Dollar sind für die Neuauflage des Senders vorgesehen, schrieb die russische Zeitung "Wedomosti". Das Geld stammt von Investoren, die den Journalisten bislang Freiraum lassen. Die Fernsehmacher gehen davon aus, dass das auch so bleibt. Wer die Geldgeber sind, ist bislang nicht bekannt.

Das Wachstumspotenzial sieht Stepanow vor allem bei dem jüngeren Publikum. Heute liegt der Altersdurchschnitt noch bei 50 Jahren. In Zukunft soll der durchschnittliche Zuschauer 15 Jahre jünger sein und RTVi vor allem über das Internet konsumieren.

In Russland ist der Sender ohnehin nur im Internet zu empfangen. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr eine Kabellizenz zu beantragen, sei zu riskant, so Stepanow. Sobald der Sender auf Sendung wäre, könnten Direktiven aus dem Kreml folgen. Daher sollen die Wahlen erstmal abgewartet werden.

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"Verständnis füreinander braucht mehr Sendungen"

Während der Sendung zum Thema Propaganda prallen in den Studios zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinander. Die US-Gäste halten sich eher zurück, die Moskauer Runde verfällt dagegen schnell ins Krawallformat. Aus ihr ist zu hören, dass die USA mit ihren Propaganda-Vorwürfen gegenüber russischen Medien nur von ihren eigenen innenpolitischen Problemen ablenken würden.

Moderator Dzjadko lässt die Unterhaltung laufen. Gekonnt manövriert er die amerikanischen Gäste durch die Sendung. Er sagt: "In den USA und Europa sind unterschiedliche Meinungen Grundlage einer jeden Talk-Show." Das sei in Russland jedoch ganz anders. "Russische Teilnehmer denken, mit einer abweichenden Meinung wolle man sie persönlich beleidigen - auch wenn das nicht der Fall ist", erklärt Dzjadko die hitzige Diskussion.

Nach 90 Minuten ist die Debatte zu Ende. Dzjadko wirkt erschöpft, aber auch zufrieden. Sein Fazit lautet: "Es gab einen Meinungsaustausch, die Gäste versuchten, einander zuzuhören. Das ist schon mal ein Anfang." Verständnis füreinander brauche mehr Sendungen - viel mehr Sendungen, so Dzjadko.

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