Nackte Statue in Roms Musei Capitolini | Bildquelle: AFP

Nach dem Italien-Besuch von Irans Präsident Rouhani Wer hat die Nackten angezogen?

Stand: 27.01.2016 17:32 Uhr

Wie weit darf der Respekt für eine andere Kultur gehen? Diese Frage wird in Italien derzeit heiß diskutiert. Denn anlässlich des Besuchs von Irans Präsident Rouhani wurden antike Nacktstatuen verhüllt. Nun will es keiner gewesen sein.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Das Verhüllen von Nacktem hat in Rom eine gewisse Tradition. Schon Papst Pius IV. beauftragte Mitte des 16. Jahrhunderts einen gewissen Daniele Da Volterra damit, den vielen Nackten auf Michelangelos "Jüngstem Gericht" in der Sixtinischen Kapelle, Stofftücher über die Lenden zu malen. Da Volterra ist dadurch als Braghettone - Hosenmaler - in die Kunstgeschichte eingegangen. 

Doch wer am Dienstag die Verhüllung der nackten Statuen in den Kapitolinischen Museen von Rom in Auftrag gegeben hat, ist noch nicht ganz klar. Nur soviel: Matteo Renzi, Italiens Ministerpräsident, und Hassan Rouhani, der Präsident des Iran haben dort eine Pressekonferenz gegeben und auf dem Weg dahin sollte das iranische Staatsoberhaupt offenbar keine Nacktheit stören. Nicht einmal marmorne Nacktheit, wie zum Beispiel die der berühmten "Kapitolinischen Venus".

Verhüllte Skulpturen in Rom | Bildquelle: AP
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Verhüllte Statuen in Roms Kapitolinischen Museen mehrere nackte Statuen anlässlich des Besuchs des iranischen Präsidenten

Eingeknickt vor einem muslimischen Politiker?

Die Freizügigkeit des Westens sei vor einem muslimischen Politiker eingeknickt, heißt es jetzt. Und weil der Fall sogar international Wellen schlägt, sah sich heute Kulturminister Dario Franceschini genötigt, Stellung zu beziehen: "Weder der Ministerpräsident noch ich sind über die Entscheidung informiert worden, dass die Statuen verhüllt werden sollten", sagte Franceschini. "Es hätten leicht andere Lösungen gefunden werden können, um das Gefühl eines so wichtigen fremden Gastes nicht zu verletzen." Und das ganz ohne diese "unverständliche" Entscheidung, die Statuen zu verhüllen.

Aber wer ist nun verantwortlich? Die Kultusbehörde der Stadt Rom badet ihre Hände in Unschuld. Man solle doch mal im Palazzo Chigi nachfragen, heißt es von dort. Der Palazzo Chigi ist das Pendant zum deutschen Kanzleramt, der Regierungssitz von Ministerpräsident Renzi.

Verhüllte Skulpturen in Rom | Bildquelle: AP
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Einen Tag nach den Besuch, sind die Statuen wieder unverhüllt.

"Junge, du kommst nach Italien, da steht so was!"

Und natürlich ruft der Fall sofort diejenigen auf den Plan, die den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören und aus dem vorauseilenden Gehorsam ihr rechtspopulistisches Kapital schlagen wollen.

Allen voran Matteo Salvini von der Lega Nord: Der kann es nicht fassen, dass man die Statuen in den Kapitolischen Museen in Rom verhüllt hat. "Statuen, die hier seit Jahrhunderten stehen, italienisches Kulturgut, Statuen, die nackte Körper darstellen, die verhüllt wurden, um Irans Präsidenten nicht zu beleidigen", empört sich Salvini. "Junge, du kommst nach Italien, da steht so was! Ansonsten: Wechsel den Bürgersteig, das Museum, gehe woanders hin!"

Italien braucht Wirtschaftsverträge mit dem Iran

Genau das aber wollte man in Rom unbedingt vermeiden. Schließlich wurden am Rande des Staatsbesuches Wirtschaftsverträge im Wert von rund 17 Milliarden Euro unterzeichnet. Aufträge, die Italiens Wirtschaft braucht und die man sich nicht entgehen lassen wollte.

Die Meinung der italienischen Öffentlichkeit zu den verhüllten Statuen ist übrigens ziemlich eindeutig und ablehnend. Heftige Äußerungen gibt es vor allem im Internet.

Der Politikwissenschaftler Ilvo Diamanti ist gemäßigter, aber nicht weniger klar: "Für mich sind unsere Kunst und unsere Geschichte unantastbar. Entsprechend hätte ich nichts verändert. Ich nehme an, dass diese Aufmerksamkeit einem möglichen Investor galt", mutmaßt Diamanti. "Doch das war nicht nötig, das war übereifrig."

Präsident Rouhani wurde übrigens auch heute noch einmal auf die verhüllte Nacktheit angesprochen. Das sei eine Journalistenfrage, sagte er lächelnd, und die Italiener seien ja als sehr gastfreundliches Volk bekannt. So sprach er und flog ab nach Paris, um weitere Wirtschaftsdeals abzuschließen.

Zuvor hatte er noch das Kolosseum in Rom besucht und eigenhändig ein paar Fotos gemacht. Ein unverfänglicher Ort: Nackte gibt es dort weit und breit nicht zu sehen.

Abgedeckte Statuen beim Besuch Hassan Rouhanis sorgen für Diskussion
J.-C.Kitzler, ARD Rom
27.01.2016 16:36 Uhr

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