Erster Prozess gegen Vertreter des Pol-Pot-Regimes 35 Jahre Haft für Folterchef der Roten Khmer

Stand: 07.08.2014 06:39 Uhr

Es war der erste Prozess gegen einen Verantwortlichen des Rote-Khmer-Terrorregimes in Kambodscha: Der berüchtigte Gefängnischef "Duch" ist zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Rund 18 Jahre muss er davon noch absitzen. zu wenig, finden die Hinterbliebenen der Opfer.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südostasien, zzt. Phnom Penh

Rote-Khmer-Folterchef "Duch" | Bildquelle: AFP
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"Duch" hatte sich vor Gericht entschuldigt - und einen Freispruch gefordert.

Der frühere Chef des Foltergefängnisses Tuol Sleng, Kaing Guek Eav, genannt "Duch", wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Folter und Mord zu 35 Jahren Haft verurteilt. Das sogenannte Rote-Khmer-Tribunal in Kambodscha sah es als erwiesen an, dass der heute 67-Jährige für den qualvollen Tod von mehr als 12.000 Gefängnisinsassen mitverantwortlich war und deren Leid vorsätzlich verursacht hat.

Nil Non, der Vorsitzende Richter des Außerordentlichen Gerichts am kambodschanischen Gerichtshof, wie das Tribunal offiziell heißt: "Die Richter stimmen mit den Anklagevertretern darin überein, dass "Duch" einer von mehreren Personen ist, die der schlimmsten Verbrechen während der Zeit des Demokratischen Kampuchea beschuldigt werden. Mit der Mehrheit der Richter kommt das Tribunal zu einem Urteil von 35 Jahren Haft."

Fünf Jahre Haft werden dem früheren Chef des Foltergefängnisses erlassen, weil er 1999 von einem Militärgericht unrechtmäßig verurteilt wurde. Außerdem wird die bisher verbüßte Haft angerechnet, insgesamt elf Jahre. Wenn das heutige Urteil rechtskräftig wird, bleiben für "Duch" noch rund 18 Jahre Gefängnis.

Hinterbliebene: Urteil ist Schlag ins Gesicht

Die Vertreter der Opfer und Hinterbliebenen, die vom Gericht als Nebenkläger anerkannt wurden, bezeichneten das Urteil als Schlag ins Gesicht. Sie hatten eine härtere Bestrafung erwartet. Chum Sirat, einer der Nebenkläger, der während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zwei Brüder verloren hat, war entsetzt. "Das ist schlimmer als alles was wir erwartet haben. 18 Jahre, für diese Verbrechen, die er begangen hat. Wenn jemand einen einzigen Mord begeht, bekommt er 99 Jahre Gefängnis. Und er hat mehr als 10.000 Menschen ermordet und bekommt 18 Jahre."

Der Vorsitzende Richter sagte, beim Strafmaß sei die Schwere der Verbrechen und die große Zahl der Opfer zugrunde gelegt worden. Allein im Gefängnis Tuol Sleng waren nach offiziellen Angaben 12.000 Menschen gefoltert und ermordet worden. Strafmildernd berücksichtigte das Gericht, dass "Duch" Kooperationsbereitschaft und Reue gezeigt und sich bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt habe.

Folterkammer im ehemaligen Tuol-Slang-Gefängnis | Bildquelle: REUTERS
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Folterkammer im ehemaligen Tuol-Slang-Gefängnis: Mehr als 12.000 Menschen wurden hier gefoltert und ermordet.

Schädel von Opfern der Roten Khmer | Bildquelle: dpa
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Schädel von Opfern der Roten Khmer: Insgesamt starben 1,7 Millionen Menschen während der Schreckensherrschaft.

"Die Entschuldigung war doch nicht ernst gemeint"

Chum Sirat betrachtete dies als Verteidigungsstrategie des einstigen Gefängnischefs: "Diese Entschuldigung war doch nicht ernst gemeint. Außerdem hat er vor Gericht immer nur das zugegeben, was aufgrund der Beweislage schon nicht mehr zu leugnen war. Und in seiner Entschuldigung sagte er, er wolle an jedem Geburtstag eine buddhistische Zeremonie abhalten, um sein Gewissen zu entlasten. Er macht das nicht für die Seelen seiner Opfer, sondern für sein eigenes Gewissen."

Vor dem Khmer Rouge Tribunal  warten jetzt noch vier weitere frühere Anführer der Roten Khmer auf ihren Prozess. Doch noch ist das Urteil gegen "Duch" nicht rechtskräftig. Verteidiger und Ankläger haben die Möglichkeit des Einspruchs.

Hintergrund

Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha dauerte von 1975 bis 1979. 1975 stürzten sie die von den USA unterstützte und unbeliebte Regierung. Das neue Regime unter Pol Pot wollte eine kommunistische Agrargesellschaft verwirklichen. Es zwang die Städter aufs Land und verordnete ihnen Schwerstarbeit.

Hunderttausende Menschen starben durch Hungersnöte, Seuchen und Zwangsarbeit. Weitere Hunderttausende Verdächtige wurden als Feinde des Regimes gefoltert und ermordet. Insgesamt fielen der Schreckensherrschaft der Roten Khmer fast zwei Millionen Menschen zum Opfer - fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

1979 vertrieben vietnamesische Truppen die Roten Khmer und zogen in die seit vier Jahren verlassene Hauptstadt Phnom Penh ein. Jahrelang wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, weil Kambodscha zum Spielball der Weltmächte wurde und im Bürgerkrieg versank. Pol Pot starb 1998 unbehelligt in der Provinz.

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