Urteil nach Mordserie an ungarischen Roma erwartet Ermordet wie auf einer Jagd

Stand: 06.08.2013 05:17 Uhr

Fünf Jahre nach dem Beginn einer Serie von rassistischen Morden an ungarischen Roma wird in Budapest ein erstes Urteil erwartet. Bei den Anschlägen wurden sechs Roma getötet, darunter ein fünfjähriges Kind. Vor Gericht stehen vier Rechtsradikale.

Von Stephan Ozsváth, ARD-Hörfunkstudio Wien

Ein Tatort der Mordserie: In Tatarszentgyörgy wurden ein Mann und sein Sohn erschossen, Archivbild vom 24.02.2009 | Bildquelle: dpa
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Ein Tatort der Mordserie: In Tatarszentgyörgy wurden ein Mann und sein Sohn erschossen, Archivbild vom 24.02.2009

Tatárszentgyörgy - ein kleiner Ort 60 Kilometer südlich der ungarischen Hauptstadt Budapest. Es ist der 23. Februar 2009. Csaba Csorba, der mit seiner Familie die beiden letzten Häuser am Ortsrand bewohnt, wacht auf. Das Nachbarhaus, in dem sein Sohn und der vierjährige Enkel leben, brennt.

"Wir wachten auf, als meine Frau drei Schüsse hörte, meine Tochter Szilvia sah das Haus brennen", erzählt Csorba. "Wir rannten raus, dort lag der kleine Robi, er war schon tot, sein Kopf war zerschossen. Sein Vater lag neben ihm, lebte noch - er konnte nur noch nieder, nieder, nieder sagen, er wollte uns wohl sagen, dass er niedergeschossen wurde."

Schwere Vorwürfe an die Polizei

Beerdigung der Opfer | Bildquelle: dpa
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An der Beisetzung der Opfer nahmen viele Trauernde teil.

Csaba Csorba ruft die Polizei an, holt den Krankenwagen. Sie kommen, aber spät. Zu spät. Großvater Csorba erhebt schwere Vorwürfe - auch gegen die Ermittler am Tatort: "Erst nach einer Dreiviertelstunde kam der Krankenwagen. Auch die Polizei hat Fehler gemacht. Dort, wo mein Junge lag, ist der Angreifer hingefallen. Im zehn Zentimeter hohen Schnee waren Spuren zu sehen. Vom Gewehr, Hand- und Fußspuren. Und die Polizei ging dort pinkeln. Mein Bruder regte sich auf, da sagte ihr Vorgesetzter: Na irgendwo müssen sie sich ja erleichtern."

Das Muster ist das gleiche wie schon drei Monate zuvor in der ostungarischen Ortsschaft Nagycsécs. Auch damals brennt ein Haus, auch dort werden die Opfer ins Freie getrieben. Weitere Anschläge folgen. Immer sind die Opfer Roma, und immer leben sie abgelegen, am Rande der Ortschaften. Am Ende der Mordserie sind sechs Roma tot.

Peter Tárjányi, ehemaliger Polizist und Sicherheitsberater sagt: "Das ist eine brutale und unmenschliche Taktik. Es ging darum, die Opfer mit Molotowcocktails aus den Gebäuden zu treiben, und sobald sie in die Schusslinie der Angreifer kamen, sie wie bei einer Jagd abzuknallen."

Prozess läuft seit 2009

Gerichtssaal in Ungarn | Bildquelle: AFP
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Der Prozess läuft seit mehr als zwei Jahren.

Im Sommer 2009 werden die vier mutmaßlichen Täter in der ostungarischen Stadt Debrecen gefasst. Alle gehören sie der rechtsextremen Szene an. In zweieinhalb Jahren Prozess, an 170 Prozesstagen räumen sie zwar ein, an den Tatorten gewesen zu sein. Ein Geständnis aber gibt es nicht. Der "Chauffeur" des Killerkommandos, sagt im Gerichtssaal: "Ich möchte zu mir nur eins sagen, und das ist das, was meine Mutter schon bei einer Gelegenheit vor der Presse gesagt hat: Mein Sohn ist schuldig, aber er ist kein Verbrecher."

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Dem Fahrer drohen bis zu 20 Jahre Haft, den drei Hauptangeklagten "lebenslänglich". Staatsanwalt Zsolt Szabó sagt: "József Nagy, Frau Nagy, Robert Csorba Junior und sein Sohn, Jenö Kóka und Mária Balogh - sie sind die Opfer einer eiskalt geplanten und zu Ende geführten, völlig sinnlosen Mordserie. Sie hat nicht nur das Sicherheitsgefühl der Betroffenen massiv verletzt, sondern die Roma-Gemeinschaft und die ganze Gesellschaft erschüttert."

Viele Fragen werden offen bleiben

Jenö Kóka tötete das rechtsextreme Killerkommando, als er zur Nachtschicht in einer Pharmafabrik aufbrechen wollte. Seine Witwe Eva sagt zum Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder ihres Mannes: "Ich wünsche, dass sie lebenslänglich bekommen, weil sie das getan haben. Das darf man nicht: Einen unschuldigen Menschen, all die anderen, sogar Kinder. Sie sollen lebenslänglich bekommen. Denn sie haben es verdient, mein Mann hat niemand etwas getan, warum musste das sein?"

Viele Fragen werden auch nach dem Urteil ungeklärt bleiben: Welche Rolle spielt etwa der Geheimdienst? Denn der überwachte zwei der Angeklagten. Einer der Täter war sogar Informant des Militärgeheimdienstes. Wie auch immer das Urteil ausfällt: Csaba Csorba wird nicht mehr erfahren, wie lange die mutmaßlichen Mörder seines Sohnes und seines Enkels hinter Gitter müssen. Er starb Anfang des Jahres.

Dieser Beitrag lief am 06. August 2013 um 06:59 Uhr auf NDR Info.

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