Männer, Frauen und Kinder tragen ihre Habseligkeiten. | Bildquelle: AFP

Verfolgte Rohingya Mehr als Hunderttausend auf der Flucht

Stand: 05.09.2017 15:47 Uhr

123.000 Angehörige der Minderheit Rohingya in Myanmar sind laut UN in den vergangenen zehn Tagen nach Bangladesch geflohen. Sie berichten von Erschießungen und niedergebrannten Dörfern. An der Grenze sollen Minen explodiert sein.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Sie wandern mit kleinen Kindern auf der Hüfte, mit Alten am Arm, Kinder schleppen die wenigen Habseligkeiten der Familie durch Matsch, Berge und Dschungel. Tagelang sind sie unterwegs, und sie berichten von schrecklichen Ereignissen, abgefackelten Dörfern, getöteten Familien. "Mein Bruder wurde erschossen", erzählt eine flüchtende Frau. "Sie haben ihn einfach in die Brust geschossen. Ich konnte ihn noch nicht mal richtig begraben, dann musste ich weg."

Fast 125.000 Rohingya sind seit Beginn der Ausschreitungen vor anderthalb Wochen nach Bangladesch geflohen, allein 35.000 in den vergangenen 24 Stunden, melden die Vereinten Nationen. Dort gibt es aber kaum Platz für sie. Wer es dorthin schafft, lebt in provisorischen Lagern oder Unterständen.

Tausende warten an der Grenze

Aber viele schaffen es auch nicht: Am Wochenende ertranken mehrere Dutzend Menschen beim Versuch, den Grenzfluss zu überqueren. Tausende warten noch an der Grenze, um nach Bangladesch hinein gelassen zu werden. Dort waren am Montag Explosionen zu hören.

Phil Robertson, Vize-Chef von Human Rights Watch in Asien, berichtet: "Eine Frau, ich glaube 19 Jahre alt, ist auf eine Mine getreten, die hat ihr rechtes Bein zerfetzt. Die Frage ist jetzt, wer diese Mine dort platziert hat."

Dort, wo die junge Rohingya-Frau ihr Bein verlor, sollen vorher Soldaten der burmesischen Armee gesehen worden sein. Ein Sprecher der de-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi bestreitet das, er könne sich gut vorstellen, dass das militante Rohingya selbst gewesen seien.

Aussage gegen Aussage

Es steht, wie immer in diesem Konflikt, Aussage gegen Aussage. Dass in den vergangenen Tagen 2600 Häuser in Rohingya-Dörfern und 136 Häuser in nicht-muslimischen Ortschaften zerstört worden seien, sei allein die Schuld der militanten Rohingya, sagt Suu Kyis Seite. Angehörige der muslimischen Minderheit sagen dagegen, dass ihre Dörfer von angestachelten Buddhisten und von burmesischen Sicherheitskräften zerstört und ihre Familien niedergemetzelt würden.

Eine Überprüfung ist schwierig: Regierungsanordnungen verbieten unabhängigen Journalisten, Menschenrechtsexperten und Entwicklungshelfern seit fast neun Monaten den freien Zugang zum nördlichen Teil von Rakhine, dem Gebiet, in dem die Rohingya vor allem leben.

Lange schon haben Beobachter vor einer Eskalation der Krise gewarnt, wie zum Beispiel der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan: Diskriminierung führt zur Radikalisierung. Rakhine ist der ärmste Bundestaat Myanmars, die Rohingya werden dort nicht akzeptiert sondern ausgeschlossen, obwohl sie seit Generation dort leben - das ist ein Brutherd für militante Aufrührer. Wie die, die vor anderthalb Wochen Polizeistationen angriffen. Seitdem schlägt die Armee Myanmars mit aller Härte zurück - und davor fliehen die Rohingya.

Forderungen nach Ende der Gewalt

Der Papst, die Vereinten Nationen, die junge Friedensnobelpreisträgerin Malala, sie alle fordern von Suu Kyi, ihr Schweigen zu brechen und die Krise zu beenden. Aber Kyaw Win, Leiter der Hilfsorganisation Burma Human Rights Network, sagt, sie sei die falsche Adressatin: "Nicht an Aung San Suu Kyi müssen wir uns wenden, sondern an General Min Aung Hlaing, den Armeechef. Ein Befehl von ihm genügt, um all das zu beenden - und das wird er nicht tun. Darum muss sich die internationale Gemeinschaft auf ihn konzentrieren."

Unterdessen protestieren Menschen in Indonesien, Malaysia und Australien für eine Rettung der Rohingya. Im mehrheitlich muslimischen Indonesien fordern sie die Ausweisung des burmesischen Botschafters. Vor der Botschaft Myanmars in Jakarta stehen Polizisten Wache, denn am Wochenende flog ein Brandsatz auf das Botschaftsgebäude.

Das ist nicht im Sinne einer Demonstrantin, die sagt: "Wir sind hier, um unsere Solidarität mit unseren muslimischen Brüdern und Schwestern zu zeigen, um gegen die Gewalt zu protestieren. Denn die Opfer sind hauptsächlich Frauen und Kinder." Und das kann keine Seite bestreiten.

Explosionen und Eskalationen Rohingya-Krise in Myanmar
Lena Bodewein, ARD Singapur
05.09.2017 14:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. September 2017 um 16:00 Uhr.

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