Ein illegales Flüchtlingscamp in Bangladesch

Flüchtlinge aus Myanmar "Die Rohingya sollen zurückgehen"

Stand: 04.09.2017 09:29 Uhr

Bangladesch ist halb so groß wie Deutschland und hat doppelt so viele Einwohner. Allein in den vergangenen Wochen flüchteten fast 90.000 Rohingya vor buddhistischen Soldaten aus Myanmar hierher. Die Stimmung droht zu kippen. Ein Besuch in einem Flüchtlingscamp.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

Nur Jahan sitzt im Dreck, um sie herum Plastikplanen, die über Bambusstöcke gestülpt sind. In diesem provisorischen Zelt lebt sie seit einigen Wochen mit ihren vier Töchtern: "Ich kenne hier nichts und niemanden, ich bin nur hierhergekommen, um das Leben meiner Töchter und mein eigenes zu retten. Ich habe alles zurücklassen müssen."

Verschleppt und vergewaltigt

In ihrem Dorf im Westen von Myanmar hatte sie ein kleines Häuschen, fünf Kühe und Hühner. Ihre sechs Kinder haben sich um sie gekümmert, seit ihr Mann vor acht Jahren gestorben ist. Doch dann wurde ihr Leben von heute auf morgen zerstört: "Wir saßen mit mehreren Frauen zusammen. Dann kamen Soldaten. Sie haben mich an meinen Schultern gepackt und auf mich eingeschlagen." Ihre Schwiegertochter haben sie weggeschleppt und vergewaltigt, erzählt sie. Sie habe laut geschrien.

Nur Jahan
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Nur Jahan ist über 60 Jahre alt. Sie erzählt wie Soldaten aus Myanmar sie vergewaltigt haben.

Hütten eines Flüchtlingscamps in Bangladesch
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Innerhalb weniger Wochen haben Rohingya kleine Hütten gebaut. Die meisten sind illegal hier.

Das ganze Dorf sei auf einmal voll mit buddhistischen Soldaten gewesen, erzählt die 60-jährige Muslimin aufgeregt. Dann wird ihre Stimme auf einmal ganz leise. "Die Soldaten", flüstert sie, "haben auch mich vergewaltigt. Sie haben mich auf den Boden geworfen und geschlagen und vergewaltigt."

Drei Nächte und drei Tage seien die Soldaten in ihrem Dorf geblieben. Am Ende hätten sie ihr alles weggenommen: Nur Jahans Kühe, die Hühner, den Reis. Ihr Haus hätten sie zerstört. Dann sei sie mit ihren Töchtern weggelaufen. Sechs Wochen seien sie auf der Flucht gewesen. Ihre Söhne habe sie seit dem Überfall nicht mehr gesehen.

Soldaten gehen brutal gegen Rohingya vor

Viele Flüchtlinge in diesem illegalen Camp im Süden von Bangladesch erzählen ähnliche Geschichten. Überprüfen lassen sich die schrecklichen Berichte schwer, die Regierung von Myanmar lässt keine Journalisten in den Bundesstaat Rakhine, aus dem die Flüchtlinge stammen. Eigene Bilder oder Videos haben sie nicht auf ihren Handys, dafür viele grausame Propagandafilme, die mit Musik unterlegt erschlagene Menschen zeigen.

Lage der Rohingyas in Myanmar
tagesschau 12:00 Uhr, 04.09.2017, Sandra Ratzow, ARD Singapur

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Rohingya werden in Myanmar unterdrückt und als Volksgruppe nicht anerkannt, sie sprechen eine andere Sprache, haben eine andere Religion als der Rest des Landes. Soldaten gehen brutal gegen sie vor. Militante Rohingya wiederum kämpfen dagegen an und überfallen buddhistische Soldaten. Jeder beschuldigt den anderen, angefangen zu haben.

"Ich habe mich totgestellt"

Hier im Camp in Bangladesch zeigen die Männer ihre Narben am Körper. Nurul Amin krempelt die Hose auf und zeigt das schwülstige Gewebe an seinem Schenkel: "Ich war zu Hause, sie haben meine Tür eingetreten und einfach geschossen", erzählt er. Als ihn eine Kugel ins Bein getroffen hat, ist er umgefallen. "Ich habe mich tot gestellt. Sie haben gegen mein Bein getreten, aber ich habe mich nicht bewegt. Mein Schwager lag tot neben mir auf dem Boden." Auf die, die noch geschrien haben, als sie verletzt auf dem Boden lagen, hätten sie so lange geschossen, bis sie tot waren.

Nurul Amin
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Nurul Amin ist mit seinem Bruder nach Bangladesch geflohen, nachdem die Soldaten auf die beiden geschossen hätten.

Die meisten sind illegal in Bangladesch

Seit Jahrzehnten fliehen Rohingya nach Bangladesch, mittlerweile sollen es um die 400.000 sein. Alle, die nach den 1990er-Jahren kamen, sind illegal hier. Nur rund 30.000, die davor nach Bangladesch flohen, sind hier registriert und gelten offiziell als Flüchtlinge. Das Land ist eines der am dichtesten besiedelten der Welt. Nur halb groß wie Deutschland, dafür aber doppelt so viele Einwohner.

Die Flüchtlingscamps liegen alle im Süden von Bangladesch. Hier grenzt das Land an Myanmar, nur wenige Kilometer getrennt von dem Fluss Naf. Am Straßenrand hocken Männer und Frauen, Rohingya. Sie warten darauf, dass jemand einen Job für sie hat oder ihnen Geld oder vielleicht etwas zu essen zusteckt. Andere fällen Bäume, um mehr Platz für weitere Camps zu schaffen und das Holz zum Kochen zu verwenden.

Premierministerin: "Auf eine unbewohnbare Insel aussiedeln"

Lokale Polizisten sagen - wenn das Mikrofon aus ist - dass viel zu viele hier her kämen. Weil die Menschen keine Jobs fänden, handelten sie mit Drogen, die Frauen würden sich prostituieren. Die  Premierministerin von Bangladesch, Sheikh Hasina, drohte schon damit, die Rohingya auf eine unbewohnbare Insel auszusiedeln. Das macht weltweit Schlagzeilen und ist vermutlich nur ein Hilferuf, um die Weltgemeinschaft auf die Probleme mit den Flüchtlingen in Bangladesch aufmerksam zu machen.

Schuldirektor Hamidul Chowdury
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Hamidul Chowdury ist Schuldirektor und organisiert Demonstrationen gegen die Rohingya.

Hamidul Chowdury aber findet die Idee gut. Er ist Schuldirektor und organisiert Demonstrationen, damit die Rohingya wieder nach Myanmar gehen: "Wenn die Europäer alles Mögliche anstellen, damit keine Flüchtlinge in ihre Länder kommen, warum verstehen sie nicht, dass wir auch keine wollen?" Wenn es so viele sind, sei es schwierig, sie alle zu kontrollieren. "Also schlägt unsere Regierungschefin vor, dass sie auf eine Insel gehen, das ist doch nur richtig so."

Natürlich solle den Muslimen aus Myanmar geholfen werden, aber warum in Bangladesch, fragt Hamidul Chowdury vorwurfsvoll. "Wir sagen, dass die Rohingya zurück gehen sollen und Myanmar soll sie anerkennen. Wir sagen der Welt, klar, die Rohingya leiden, aber wir sagen auch, wenn wir sie hier alle aufnehmen, leiden auch die Menschen in Bangladesch darunter."

Kofi Annan kann auch nur hoffen

Um den Konflikt in Myanmar zu untersuchen, hat die Regierung den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan engagiert. Auch er sagt, das Land müsse handeln und die Rohingya als Staatsangehörige annehmen, das sei seine Empfehlung und Myanmar müsse das nun selbst entscheiden: "Ich hoffe, mein Vorschlag wird angenommen. Falls nicht, fürchte ich, dass sich die Lage weiter zuspitzen wird."

Hunderte muslimische Frauen demonstrieren vor der Botschaft von Myanmar in Jakarta | Bildquelle: AP
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Hunderte muslimische Frauen haben vor der Botschaft von Myanmar in Jakarta demonstriert. Sie forderten die Regierung auf, entschlossener gegen die Verfolgung von Angehörigen der Minderheit der Rohingya vorzugehen.

"Hier bin ich nur eine Bettlerin"

Die Flüchtlinge in Bangladesch wollen alle zurück nach Myanmar, sagen sie. Aber nur, wenn es dort für sie sicher sei, sagt die Witwe Nur Jahan. Im Flüchtlingslager in Bangladesch muss sie nicht um ihr Leben fürchten oder Angst vor Vergewaltigern haben, aber sie steht hier vor dem Nichts. Es ist später Nachmittag und sie hat gerade einmal ein Stück Brot gegessen heute: "Wenn ich etwas zu essen bekomme, esse ich, wenn nicht, dann esse ich nicht."

Bevor die Soldaten in Myanmar ihr Dorf geplündert hatten, habe sie dort gut leben können. Anders als in Bangladesch: "Hier bin ich nur eine Bettlerin."

Zehntausende Rohingya fliehen nach Bangladesch
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
04.09.2017 08:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. September 2017 um 23:00 Uhr.

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