Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat | Bildquelle: REUTERS

Richter zum Todesurteil gegen Deutsche "Sie bereut überhaupt nichts"

Stand: 25.01.2018 21:24 Uhr

Das Todesurteil gegen eine deutsche IS-Anhängerin sorgte für Aufruhr. Der irakische Richter, der es fällte, hat mit NDR, WDR und "SZ" über seine Entscheidung gesprochen. Und weitere Urteile könnten folgen.

Von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo, Amir Musawy und Lida Askari

"Lamia, die Deutsche", nennt der Richter sie. Er hat ein Urteil gesprochen, das weltweit Schlagzeilen gemacht hat: Tod durch den Strang. Es ist das Urteil gegen Lamia K., 50 Jahre alt - eine Deutsche mit marokkanischen Wurzeln.

Das Büro des Richters liegt im Justizzentrum in Bagdad, im Stadtteil Al-Nidal, unweit des Nationalstadions. "Kommen Sie rein", sagt er zur Begrüßung, bevor er sich wieder hinter seinen wuchtigen Schreibtisch setzt. Vor einigen Tagen stimmte er einem Gespräch mit Reportern vom NDR, WDR und "SZ" zu. Er soll sein Urteil gegen Lamia K. erklären. Ein Urteil, das nach irakischem Recht zwingend gewesen sei, wie er sagt.

Die Luft ist staubig. Der Richter, 47 Jahre alt, trägt einen schwarzen Anzug mit violettem Hemd und eine gemusterte Krawatte. Seine Haare sind grau. "Das macht die Arbeit", sagt er und lächelt wieder.

"Ticket ins Paradies"

Im Sommer 2014 ging die Mannheimerin Lamia K. zum sogenannten Islamischen Staat. Jetzt sitzt sie im Bagdader Zentralgefängnis für Frauen - unweit des Gerichts, in dem der Richter das Urteil sprach. Dieses, so erzählt es der Richter, nahm sie mit einem Lächeln auf den Lippen zur Kenntnis. "Das kenne ich aus anderen Verfahren auch", sagt er. Das Todesurteil sei für viele IS-Kämpfer eine Art Ticket ins Paradies.

Während der Richter vom Verfahren gegen "Lamia, die Deutsche" erzählt, bearbeitet er weiter Akten, unterschreibt Papiere. Ständig kommen Sekretäre und Boten ins Zimmer und legen frische Akten auf den Tisch.

Aufruhr in Deutschland

Die Justiz in Bagdad hat gerade viel zu tun, Hunderte Kämpfer und Kämpferinnen des IS warten auf ihren Prozess. Seinen Namen dürfe man nicht schreiben, auch kein Foto machen - "aus Sicherheitsgründen". Er gilt in der irakischen Justiz als ein erfahrener Richter, 50 Fälle verhandelt er jede Woche, sagt er. In ein bis zwei Fällen pro Woche entscheide er auf ein Todesurteil.

Das gegen Lamia K. sorgte in der Bundesregierung für Aufruhr. Bis heute ist sie nicht offiziell über das Todesurteil gegen eine deutsche Staatsbürgerin unterrichtet. Zunächst hatte man sich in der Bundesregierung darauf verlassen, dass es Lamia K. und anderen in Haft sitzenden Deutschen so schlecht nicht ergehen würde. Die irakische Regierung gewährte konsularischen Zugang, die Haftbedingungen schienen erträglich. Doch dann kam das Urteil - und damit für Deutschland die Frage, was das für künftige Urteile bedeuten kann.

Kurzes Verfahren, schnelles Urteil

Die deutsche Regierung weiß inzwischen von mindestens 30 Männern und Frauen, die im Irak, in Syrien oder in den Kurden-Gebieten einsitzen. Muss sie nun nicht alles unternehmen, um die Gefangenen nach Deutschland zurückzuholen? Im Irak stehen Wahlen an - die Diplomaten in Berlin fürchten, dass Härte gegen die IS-Schergen bei der Bevölkerung, die so sehr unter den Grausamkeiten der Terroristen zu leiden hatte, gut ankommt.

Das Verfahren gegen Lamia K. war kurz - zwei Verhandlungstage - und nie länger als anderthalb Stunden. Beim ersten Prozesstag war noch ein Beobachter aus der deutschen Botschaft in Bagdad anwesend. Der zweite Termin - mit der Urteilsverkündung - wurde verlegt, die Botschaft erfuhr nichts. Inzwischen hat sie gegen das Todesurteil protestiert und hofft, dass es in der Berufung aufgehoben wird.

"Hier gilt unser Recht"

IS-Kämpfer mit einer Flagge
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Mit einer sogenannten "Dschihad-Ehe" stärken Frauen nach Auffassung des Gerichts die Kampfmoral der IS-Kämpfer

Lamia K. habe ein umfassendes Geständnis abgelegt, sagt der Richter nun hinter seinem Schreibtisch sitzend. Sie sei in einer sogenannten Dschihad-Ehe gewesen. Dabei geht eine Frau für wenige Stunden eine Ehe mit einem Kämpfer ein - und unterstützt nach Auffassung des Gerichts damit die Kampfmoral der IS-Kämpfer.

Außerdem habe sie als Sanitäterin für den IS gearbeitet. "Diese Menschen sind in unser Land gekommen und haben hier schwerste Straftaten begangen", sagt der Jurist. "Nun gilt auch unser Recht."

Freiwillig in den Krieg

Lamia K. galt auch den deutschen Behörden als schwer belastet. Bereits 2010 zählte sie zu aktiven Islamisten und half nach eigenen Angaben Freiwilligen bei ihrer Reise zum IS. Sie rühmte sich damit, Freiwillige für den Heiligen Krieg rekrutiert zu haben.

Schließlich ging sie selbst zum IS. Ihre beiden volljährigen Töchter, eine von ihnen behindert, zogen mit ihr in den "Heiligen Krieg". Eine Tochter sitzt nun mit ihr in Haft und wartet auf ihren eigenen Prozess. Die behinderte Tochter soll in Mosul von einem Splitter in den Rücken getroffen worden und gestorben sein. Lamia K. sagt, sie habe ihre Leiche auf einer Matratze auf dem Dach eines Hauses zurückgelassen.

Neben dem Schreibtisch des Richters in Bagdad hängt eine schwere Robe, schwarz mit weißem Kragen - er trug sie auch beim Urteil gegen Lamia K.. Diese Frau, so sagt er, sei bis heute vom IS und seinen Idealen überzeugt. Er ist sich sicher: Lamia K. bereut überhaupt nichts.

Irakische Justiz verteidigt Todesurteil gegen Deutsche
Peter Hornung, NDR
26.01.2018 13:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 21. Januar 2018 um 11:00 Uhr.

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