Der Sarg mit den gebeinen von Richard III. wird durch Leicester transportiert. | Bildquelle: AP

Beisetzung von Richard III. Das geht auf die Knochen

Stand: 26.03.2015 15:31 Uhr

Ein schönes Spektakel: Da werden in der englischen Stadt Leicester die Gebeine von Richard III. beigesetzt, und ganz England ist aus dem Häuschen. Irgendwie war der alte König eine schräge Nummer, fast wie ein Rockstar, freuen sie sich. Unser Autor meint: Ganz schön viel Ehre für einen Kindsmörder.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Hörfunkstudio London

Die spinnen, die Engländer: Tausende reihten sich in den vergangenen Tagen in Leicester in die lange Schlange ein, um erst vier Stunden zu warten und dann in der Kathedrale einen letzten Blick auf Richard III. zu werfen, oder besser: auf den Sarg, denn der Deckel blieb zu.

Drumherum standen immerhin ein paar Veteranen, die fast so aussahen, als hätten sie die Schlacht von Bosworth 1485 noch selber mitgemacht. Gut, in der Schlange vor der Kirche warteten auch jede Menge Touristen, aus Brasilien, aus China und sonstwoher - offenbar spinnen die auch.

Einem buckligen Kindsmörder nach 530 Jahren die letzte Ehre zu erweisen, auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Dem sogenannten Islamischen Staat mittelalterliche Methoden vorhalten und gleichzeitig auf Richards Sarg weiße Rosen werfen - Ja, geht's denn noch?

Zwei mittelalterlich gekleidete Briten nach dem Gottesdienst für Richard III. | Bildquelle: REUTERS
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Die beiden Briten kamen in recht mittelalterlicher Aufmachung zum Gottesdienst.

Der Bischof von Leicester auf dem Weg zur Beisetzung von Richard III. | Bildquelle: AFP
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Der Bischof von Leicester erschien dagegen in seiner gewohnten Arbeitskleidung.

Er konnte noch keine Autobahnen bauen, aber ...

Gut, es gibt da die Richard-III.-Gesellschaft. Und die behauptet, dass der Letzte aus dem Geschlecht der Plantagenets ein ganz Toller gewesen sei. Er habe das englische Rechtssystem revolutioniert: die Unschuldsvermutung eingeführt, Freilassung auf Kaution für die, die noch nicht verurteilt waren, und kostenlose Rechtshilfe, für die, die sich keinen Anwalt leisten konnten. Toll.

Und was hat das seinem Bruder und seinen beiden kleinen Neffen, den "Prinzen im Tower", und einigen Weiteren, genützt? Nichts, denn er ließ sie abmurksen, bevor überhaupt ein Gerichtsverfahren eröffnet wurde.

Gut, vielleicht hat Shakespeare in der Schilderung dieser "giftigen, buckligen Kröte" ein bisschen übertrieben. Er war ja nicht dabei, hat sein berühmtes Theaterstück erst hundert Jahre später geschrieben, vielleicht wollte er den Tudors, die den Plantagenet beseitigt hatten, ja auch nur einen Gefallen tun.

Das Mittelalter war nicht nur folkloristisch

Und, okay, die Zeiten waren damals andere - Mittelalter. Den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gab es noch nicht, die Genfer Konvention auch nicht, in Den Haag fühlte sich noch niemand für Kriegsverbrechen zuständig; man konnte sich also noch ziemlich ungestraft die Köpfe einschlagen.

Aber jetzt der ganze wochenlange Trubel für einen, der selbst nach mittelalterlichen Maßstäben nicht unbedingt das große Vorbild war? Mit scheppernden Rittern, zwei großen Gottesdiensten, zwei anglikanischen Bischöfen, plus einem katholischen Kardinal, weil Richard ja Katholik war, anders als die heutigen englischen Royals. Er hatte damals auch keine andere Wahl, weil die anglikanische Kirche ja erst noch von den Tudors erfunden werden musste, von Heinrich VIII., einem ebenfalls nicht gerade zimperlichen Monarchen, was die angeheiratete Verwandtschaft anging.

Keine Zeit für andere Minderheiten

Übrigens zeigten sich auch Vertreter der muslimischen Gemeinde, der Hindus und der Sikhs aus der inzwischen ziemlich multikulturellen Stadt Leicester stolz auf den Letzten der Plantagenets, was verständlich ist. Denn nach allem, was man weiß, hatte der englische Monarch, anders als der eine oder andere seiner Nachfolger, in den kurzen zwei Jahren seiner Herrschaft keine Gelegenheit, neben den ständigen Raufereien auf der Insel auch noch weiter entfernt Andersgläubige zu vermöbeln.   

Das überzeugendste Argument für den Trubel um Richards Gebeine hatte aber der Bürgermeister von Leicester: Man habe ja schon einige Pubs in der Stadt, die sich Richard III. nennen, jetzt brauche man unbedingt auch ein gescheites Grab mit Inhalt in der Kathedrale.

Tischler aus Kanada kommt zu Ehren

Doch sind das wirklich Richards Knochen, die man unter einem Parkplatz der Stadt ausgebuddelt hatte und nun in der Kathedrale verschwinden lässt? Die Archäologen der Universität Leicester meinen ja, doch die sind vielleicht auch ein bisschen befangen. Ein Tischler aus Kanada, der den DNA-Beweis lieferte, hatte jedenfalls bisher keine Ahnung, ein Plantagenet zu sein.

Und ein anderer, nicht in Leicester arbeitender Archäologe, datierte die Knochen auf eine Zeit, in der Richard III. noch gar nicht geboren war, was wiederum die Kollegen aus Leicester zu der Erklärung veranlasste, Richards hoher Fischkonsum habe zu einer Gen-Manipulation geführt. Fischessen macht offenbar alt.

Heute schon an den Event von morgen denken

Aus Sicht des Gastgewerbes in Leicester ist das zweite Begräbnis jedenfalls ein Riesenerfolg. Und wenn der Touristenstrom irgendwann einmal wieder abebbt, kann man ihn ja noch mal aus dem Grab holen und zum dritten Mal begraben.

Vielleicht sollte man ihm aber jetzt schon mal ein Namensschild an die Brustknochen heften, oder eine Baseballkappe mit seinen Initialen auf den Schädel setzen. Dann kann man sich beim nächsten Mal immerhin die mühsame DNA-Sucherei sparen. 

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