Aleppo, die ehemalige Wirtschaftsmetropole. Zerstörung, wohin man schaut.

Reportage aus Syrien Ein Land entvölkert sich

Stand: 24.09.2015 17:47 Uhr

Trotz russischer Hilfe: Syriens Präsident Assad entgleitet immer mehr die Macht. Seine Soldaten laufen weg, Hunderttausende Menschen fliehen oder sind bereits in Europa. Eine Reportage aus einem zerrissenen Land.

Von Thomas Aders, ARD-Sonderkorrespondent Nahost

Die Welt von Shafiq Mousolie ist aus den Fugen geraten. Seit viereinhalb Jahren. Jede Woche ein Stück mehr. Als ob er sich festklammern wollte, hält er eines seiner ungezählten publizistischen Werke hoch, ein riesiges Poster seines Lebensmotivs, seines einzigen Motivs: ein Foto des syrischen Präsidenten.

Ernst schaut er auf dem Poster ins Ungewisse, nachdenklich. "Früher war Baschar so kraftvoll, er sah so gut aus", sagt Shafiq. "Und heute? Schauen Sie doch, wie traurig er jetzt aussieht, wie erschöpft. Wir veröffentlichen alle seine Poster, wir wissen, wie es ihm geht!" Niemand dürfte in der Tat über die Physiognomie des aktuellen Präsidenten und seines Vaters Hafez besser Bescheid wissen als der 71-jährige Drucker Shafiq.

Seit 1970 entwirft und vervielfältigt er die Poster von Vater und Sohn Assad, die man in Syrien an praktisch jeder Wand zu Gesicht bekommt, in jedem Zimmer, über jeder Türe. In Militäruniform, im Anzug, mit Kindern, allein, lächelnd, staatsmännisch, mit und ohne Sonnenbrille. Dutzende kommen jedes Jahr hinzu. Es müssen mehrere Hundert sein, die über die Jahrzehnte wie Liebeserklärungen aus der kleinen Druckerei in Hamidiesouq in der Altstadt von Damaskus hinausgegangen sind in die syrische Welt. Eine Welt, die früher so stabil war und nun immer kleiner geworden ist, undurchschaubarer, unsicherer.

Aus den Fugen geraten. Der Damaszener Plakatverkäufer Shafiq Mousolie mit seinem einzigen Motiv: Assad.
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Aus den Fugen geraten. Der Damaszener Plakatverkäufer Shafiq Mousolie mit seinem einzigen Motiv: Assad.

"Kein Land, das so viel ertragen muss wie wir"

Shafiq hat sich in Rage geredet, er klagt, denn er versteht nichts mehr von dem, was da draußen im Land an Kriegen und Zerstörungen vor sich geht. Immer neue Fragen werden gestellt, doch der Drucker hat noch immer die gleichen Antworten: "Es gibt kein Land auf der Welt, das so viel ertragen muss, wie wir erlitten haben!" Und dann versagt ihm die Stimme, er beginnt zu weinen. "Der Präsident hat eine riesige Verantwortung zu schultern, es gibt nur noch die syrische Armee, die unser Land gegen die Terroristen verteidigt. Was haben wir ihnen getan?"

Damaskus am ersten Tag des islamischen Opferfests Aid el-Kebir: eine gespenstische Welt. Unser Team wird früh wach heute Morgen. Jagdflieger umkreisen die Hauptstadt, während die Megafone an den Moscheen vielstimmig Predigten von unsichtbaren Imamen übertragen und verstärken, manchmal sind die Stimmen und Gesänge lauter und manchmal die Kampfjets.

Das verstörende Orchester wird akustisch untermalt von dumpfen, dröhnenden Artilleriefeuern - wie ein tödlicher Trommelwirbel. Wie immer an hohen islamischen Feiertagen wird Baschar al-Assad irgendwo an einem unbekannten Ort einen seiner sparsamen, öffentlichen Auftritte haben, die Luftwaffe und die Artillerie sorgen für Feuerschutz.

Syrien - vom Bürgerkrieg zerrüttet
tagesthemen 22:15 Uhr, 24.09.2015, Thomas Aders, ARD Kairo

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Wahllos abgefeuerte Sprengkörper in Damaskus

Doch die Antwort der Rebellen und der mit ihnen verbündeten Islamisten wird wohl nicht ausbleiben. Die Feinde des Regimes stehen in mehreren Vororten und schießen mit ihren Mörsergranaten beinahe jeden Tag auf die Innenstadt. Meist sind es selbst zusammengeschweißte, unprofessionelle Sprengkörper, wie wir sie oft im ganzen Stadtgebiet gesehen haben. Ungelenkt, wahllos werden sie abgefeuert, doch auch sie sind tödlich, wenn sie irgendwo detonieren.

Nicht nur dem Regime, sondern auch seinen Feinden scheinen die militärischen Kapazitäten auszugehen. Nur noch für besonders wichtige Gelegenheiten setzen sie teure, zielgerichtete Munition ein - wie beim Internationalen Jugendkongress, zu dem die Regierung in dieser Woche Teilnehmer aus aller Welt in die Hauptstadt eingeladen hatte, um ein wenig Zuspruch zu bekommen, wenigstens von friedensbewegten Studenten.

Katjuscha-Raketen im Hotel detoniert

Alle waren im Hotel Dama Rose untergebracht, genauso wie unser Team. Am Dienstag um sechs Uhr abends detonierten zwei gewaltige Katjuscha-Raketen auf dem Hotelgelände, die erste im Park, die zweite an der Fassade, wenige Meter von unserem Schnittraum entfernt. Niemand wurde ernsthaft verletzt. Al Hamdullillah - Gott sei Dank.

Einschussloch im Hotel Dama Rose in Damaskus (23.09.2015)
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Einschussloch im Hotel Dama Rose in Damaskus, in dem sowohl die Mitglieder eines Jugendkongresses als auch das ARD-Team untergebracht waren.

Der Krieg ist gefährlich nahe gekommen. Die erste der vielen Fronten um die Hauptstadt herum befindet sich nur vier Kilometer Luftlinie von der Damaszener Altstadt entfernt, von der Omayyaden-Moschee, unterhalb derer Shafiq Mousolie seit mittlerweile 45 Jahren seine Assad-Devotionalien druckt.

Aleppo - von drei Seiten eingekesselt

Ungleich dramatischer: die Lage in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo, die wir im Juni besucht haben. Als das Risiko einigermaßen überschaubar war, kamen die Journalisten mit den Rebellen bis in die Vororte der ehemaligen Wirtschaftsmetropole. Viele wurden getötet oder lebensgefährlich verwundet wie mein Kollege Jörg Armbruster. Heute ist die Strecke von der türkischen Grenze bis nach Aleppo unmöglich geworden. Rebellen und Islamisten verschiedener Fraktionen, darunter der al-Kaida-nahen Siegesfront al-Nusra, haben die Stadt von drei Seiten eingekesselt. Deshalb kommt man derzeit nur noch auf Seiten der Regierung hinein.

Von Damaskus aus geht es Richtung Norden bis in die Nähe der Stadt Hama. Dort geht es nicht weiter, denn die Rebellen und verschiedene Islamistengruppen haben das Gebiet unter ihrer Kontrolle. Einzig einigermaßen sichere Richtung von hier aus: nach Osten. Weit nach Osten. So weit, dass man in die Nähe des Landstrichs kommt, der vom sogenannten Islamischen Staat gehalten wird. Dann geht es wieder zurück in Richtung Nordwest-Syrien: Ein Zickzackkurs verbindet die größte mit der zweitgrößten Stadt, ein winziger, schmaler Korridor, der noch von der Armee beherrscht wird.

Assad hat die Kontrolle über Syrien verloren

Die Zerstörungen in Aleppo machen einen sprachlos. Kein Haus, das noch unversehrt wäre. Die Altstadt mit einem der ehedem schönsten Basare des Nahen Ostens ist ein Trümmerhaufen. Nichts zeigt eindrücklicher, wie zerspalten und wie gefährdet das Land ist. Assad hat die Kontrolle über 80 Prozent, je nach Rechnung sogar 90 Prozent Syriens verloren.

Auch wenn Russland Syrien jetzt in letzter Minute wieder einmal zur Hilfe kommt, indem es Truppen nach Latakia verlagert. Es wird knapp für das Regime in Damaskus. Die Soldaten laufen Assad weg, die Menschen fliehen zu Hunderttausenden aus dem Lande oder sind bereits in Europa. Ein Land entvölkert sich.

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