Reportage aus Nepal "Wie soll ich meine Familie ernähren?"

Stand: 07.05.2015 01:29 Uhr

Der Bergbauer Nanda Thane hat das schwere Beben in Nepal knapp überlebt, allerdings mit schweren Verletzungen. Er wird wohl sein Leben lang Querschnittsgelähmt bleiben. Eine Katastrophe für Nanda, aber auch für seine Familie, die er nun nicht länger ernähren kann.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi, zur Zeit Kathmandu

Nanda Thane
galerie

Arzt Shrikrishna Giri und Erdbebenopfer Nanda Thane: "Er wird wohl nie wieder laufen können".

Es geht um eine schwere Rückenmarksverletzung. Die medizinische Kategorie heißt Klasse A. Professor Shrikrishna Giri steht am Bett von Nanda Thane im nationalen Trauma-Zentrum in Kathmandu. Die Klinik ist voll mit Patienten, die Knochenbrüche, Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen haben. Professor Giri geht Nandas Unterlagen durch und tastet ihn ab.

"Wir haben es hier mit einer unvollständigen Ausrenkung des siebten Halswirbels zu tun. Der sechste und der siebte Wirbel haben sich gegeneinander verschoben. Diese Verrenkung hat das Rückenmark verletzt. Der Patient fühlt nichts mehr im Unterleib, seine Beine sind taub, er kann nicht laufen. Die Nerven sind beschädigt. In den meisten Fällen kommt das Gefühl nicht zurück", sagt der Arzt.

"Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder gesund werde"

Nanda klagt auch über taube Fingerspitzen. Sein Kopf steckt in einem runden Metallgestell. Die Ärzte haben den Fixateur mit zwei Schrauben in seinen Schädel gebohrt. Das runde Gestell ist mit einem Haken an der Kopfstütze seines Bettes festgeschraubt. An der Bettseite hängt ein Urinbeutel. "Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder gesund werde. Ich fühle ab meinem Bauch gar nichts. Die Ärzte haben mir Metall in den Kopf geschraubt, weil mein Nacken nicht richtig funktioniert. Am Anfang war das komisch, jetzt habe ich mich daran gewöhnt", sagt Nanda.

Nanda Thane
galerie

Der Bergbauer Nanda Thane wurde bei dem Beben in Nepal schwer verletzt und wird wohl nie wieder Gehen können. Wie er und seine Familie weitermachen sollen, ist vollkommen unklar.

Der 43-jährige Nanda Thane stammt aus dem Bergdorf Khopa Chagu im Distrikt Dolakha rund 200 Kilometer östlich von Kathmandu. Hier leben alle von der Landwirtschaft. Viele Erwachsene können nicht lesen und schreiben. Als die Erde am 25. April um kurz vor 12 Uhr mittags in Nepal bebte, war Nanda mit seiner jüngsten Tochter gerade im Haus. Er konnte die Kleine retten, bevor das Haus über ihm zusammenstürzte. Nachbarn zogen ihn aus den Trümmern. Nach zwei Tagen bauten sie eine provisorische Trage und trugen Nanda stundenlang bergab zur nächsten Straße. Dann dauerte es weitere drei Tage, bis ein Bus kam. Seine Frau und seine kleine Tochter, die noch gestillt wird, reisten mit ihm. Die anderen drei Kinder blieben im zerstörten Dorf bei den Großeltern zurück.

"Ich habe Angst vor der Zukunft"

"Ich habe keine Schmerzen, aber ich habe Angst vor der Zukunft. Ich mache mir Sorgen um meine vier Kinder. Wie soll ich sie versorgen ohne Beine? Sie brauchen etwas zu essen, sie brauchen ein neues zu Hause, sie müssen zur Schule gehen", sagt Nanda. Er wird sein zerstörtes Haus hoch oben in den Bergen nicht wieder aufbauen können. Er wird nie wieder säen und ernten können. Er kennt kein anderes Leben als das Leben eines Bergbauern. Jetzt muss er sich auf ein Leben als Querschnittsgelähmter vorbereiten.

Die rund 4000 Rettungsspezialisten aus aller Welt, die seit dem 25. April vor allem in Kathmandu nach Überlebenden gesucht haben, konnten fast 20 Menschen bergen. Doch jetzt geht es um Menschen wie Nanda und seine Familie. Sie brauchen langfristige Hilfe. Fast zwei Wochen nach dem Beben sind viele Bergdörfer noch immer unerreicht und von der Außenwelt abgeschnitten. Noch immer ist unklar, wie viele Menschen das Erdbeben vom 25. April getötet und verletzt hat.

Darstellung: