Flüchtlingslager auf Lesbos

Angst vor der Abschiebung

Stand: 04.04.2016 01:04 Uhr

Flüchtlinge, die es bis ins Lager Moria auf Lesbos geschafft haben, sind in der EU. Doch dort erwartet sie ein Mangel an Essen, Schlafplätzen und Informationen. Zudem fürchten nun viele, zurück in die Türkei zu müssen.

Von Wolfgang Landmesser, ARD-Studio Athen

Am Zaun des Lagers Moria. Vor einigen Wochen standen die Flüchtlinge hier Schlange, um sich registrieren zu lassen. Jetzt werden sie nach ihrer Ankunft an den Stränden von Lesbos mit Bussen direkt ins Lager gebracht.

Wenn sie an den Zaun kommen, und die griechischen Polizisten nicht dazwischen gehen, können Reporter mit ihnen sprechen. Der 17-jährige David aus Nigeria ist seit fünf Tagen hier. "Im Camp gibt es nicht genügend zu essen, es sind so viele Menschen hier, viele müssen draußen schlafen", sagt David, dessen Eltern tot sind, wie er erzählt, und der den ganzen weiten Weg hierher alleine gekommen ist. Aus traurigen Augen schaut er durch den Maschendrahtzaun, nur vage lässt sich erahnen, was der Junge durchgemacht hat.

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Flüchtlinge auf Lesbos sollen zurück in die Türkei gebracht werden

ARD-Morgenmagazin 05:30 Uhr, 04.04.2016, Stephanie Stauss, ARD Rom

Protest der Hilfsorganisationen

Hilfsorganisationen beschreiben die Situation im Lager von Moria als immer dramatischer. Nach dem Deal zwischen der EU und der Türkei hatte "Ärzte ohne Grenzen" entschieden, nicht mehr im Lager zu arbeiten - aus Protest gegen den aus ihrer Sicht unmenschlichen Plan, in großer Zahl Menschen in die Türkei zurückzubringen. Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" sind aber immer noch täglich innerhalb des doppelten, mit Stacheldraht bewehrten Zauns unterwegs, um die Situation zu beobachten.

Die Kapazität von Moria sei bereits erschöpft, sagt Sprecher Jonas Hagensen. Es fehle an Essen, Schlafplätzen und Informationen. "Der Mangel an Information für die Flüchtlinge macht uns Sorgen", sagt er. "Ich denke, das ist auch die Ursache für die wachsenden Spannungen und die Frustration der Menschen hier. Bezeichnend ist, dass sie uns NGOs fragen: Wo kann ich mich registrieren lassen? Wo kann ich Asyl beantragen? Wo gibt es Essen?"

Auch Schlafplätze sind im vollen Flüchtlingslager Moria auf Lesbos knapp.

Schlägereien im überfüllten Lager

Bei einem Rundgang um das Lager ist zu sehen, dass kaum noch Platz ist. Entlang des Zauns haben Flüchtlinge kleine, dünne Igluzelte aufgeschlagen. Die vielen grauen Container seien bereits überfüllt, erzählen drei junge Männer aus Afghanistan am Zaun. Bei der Enge im Lager sei es zu Schlägereien zwischen afghanischen, pakistanischen und syrischen Flüchtlingen gekommen, sagen sie. Die Polizei sei aber dazwischen gegangen.

Das Ziel der drei Afghanen ist Deutschland. Aber jetzt haben sie Angst, zurück in die Türkei zu müssen. Und dann vielleicht wieder nach Afghanistan, von wo sie vor den Taliban geflohen seien, sagen sie.

Etwa 2600 Flüchtlinge sind zurzeit im Lager Moria auf Lesbos.

UNHCR fürchtet um Flüchtlingsrechte durch EU-Türkei-Abkommen

Boris Cheshirkov, Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks auf Lesbos, will nicht darüber spekulieren, was passiert, wenn die Polizei die ersten Flüchtlinge aus Moria holt, um sie zum Schiff Richtung türkischer Küste zu bringen. Der UNHCR fürchtet, dass beim vorgesehenen Schnellverfahren die Flüchtlingsrechte auf der Strecke bleiben. "Wir fordern grundlegende Schutzstandards, bevor Rückführungen stattfinden", sagt Cheshirkov. "Wir haben den Eindruck, dass es Defizite gibt - sowohl in Griechenland als auch in der Türkei. Wer Asyl beantragt, muss Zugang zu einem lückenlosen Verfahren bekommen. Und wir müssen uns auf besonders schutzbedürftige Menschen konzentrieren."

So seien im Camp viele schwangere Frauen, Alleinerziehende, unbegleitete Kinder und alte Menschen. Sie dürften unter keinen Umständen abgeschoben werden - egal aus welchen Ländern sie kommen. Von den mehr als 2600 Menschen in Moria haben bereits 2000 Asyl beantragt. Und immer neue Anträge kommen dazu. Zwar erreichen Lesbos jetzt deutlich weniger Schlauchboote mit Flüchtlingen als noch Anfang März. Aber am Samstagmorgen waren es zum Beispiel wieder 120.