Teilnehmer einer Kundgebung in Erbil für die Unabhängigkeit der Kurden im Nordirak | Bildquelle: AFP

Kurden-Referendum 92 Prozent Druck für Barsani

Stand: 28.09.2017 18:07 Uhr

Ein vom Irak unabhängiger Kurdenstaat? Im Referendum haben mehr als 92 Prozent der Wähler dafür gestimmt. Nun muss Kurdenführer Barsani liefern. Doch die Sorge wächst, dass er sich verspekuliert hat.

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo, zzt. Erbil

Am Flughafen Erbil herrscht Normalbetrieb. An den Wänden prangen übergroß kurdische Flaggen, aus den Lautsprechern ertönen kurdische Lieder: Patriotisch sind hier alle, aber niemand wirkt ängstlich oder angespannt.

Ein hochrangiger kurdischer Offizieller empfängt uns zum Hintergrundgespräch, wir reden offen, es ist kein Interview. Darum steht hier auch nicht sein Name. Aus allem, was er sagt, kann man entnehmen: Es ist den Kurden ernst mit der Unabhängigkeit. Sie werden nicht nachgeben. "Was wollen sie uns denn noch antun?", fragt er rhetorisch. "Sie haben Giftgas gegen uns eingesetzt, Bomben, Granaten, sie haben uns immer unterdrückt. Wir haben keine Angst mehr."

Mit "sie" meint er die Zentralregierung in Bagdad. Die Geschichte der Kurden im Irak ist eine blutige Geschichte und offenbar macht es für die Kurden wenig Unterschied, ob in Bagdad Saddam Hussein oder Haidar Al-Abadi das Sagen hat. Der Traum von der Unabhängigkeit wird schon so lange geträumt, jetzt scheint die Realisierung zum Greifen nahe.

Autokorso in Erbil | Bildquelle: AFP
galerie

Mit Hupkonzerten und lauter Musik feierten viele Kurden den Ausgang des Referendums.

Kurden wollen eigenen Staat - nicht Verhandlungen

Denn den meisten Kurden, die in den Tagen nach dem Referendum mit Hupkonzerten und lauter Musik bis in die Morgenstunden gefeiert haben, geht es um den sofortigen Vollzug der Unabhängigkeit - nicht um eine rechtlich unverbindliche Abstimmung, bei der Kritiker auch noch etliche Unregelmäßigkeiten festgestellt haben wollen. Sie wollen nicht den kleinen, aber entscheidenden Unterschied sehen, dass dieses Referendum allenfalls das Mandat für einen Dialog und einen womöglich langen politischen Prozess zum Gegenstand hatte. Für sie geht es um die endgültige Loslösung vom Irak, um den eigenen Kurdenstaat - jetzt, oder zumindest sehr schnell.

Aber dazu wird es nicht kommen, auch wenn es ein starkes Signal ist, dass mehr als 92 Prozent der Befragten endgültig nichts mehr mit der irakischen Zentralregierung zu tun haben wollen. Das wird den Kurden klar werden, wenn die Euphorie über das erwartbare Ergebnis verflogen ist. Vielleicht reagiert die irakische Regierung deshalb so harsch, um den Prozess der Ernüchterung zu beschleunigen. Die irakische Luftfahrtbehörde fordert die Kontrolle der beiden kurdischen Flughäfen zurück. Der Flughafen Erbil wird am Freitag den internationalen Flugverkehr praktisch einstellen. Das irakische Parlament will Truppen in die Ölregion Kirkuk entsenden. Das wäre eine Kriegserklärung an die Kurden. Und für Gespräche über die Unabhängigkeit stehe er nicht zur Verfügung, richtet Ministerpräsident al-Abadi aus. Damit liefe das Referendum ins Leere, wenn Kurdenpräsident Massud Barsani keinen Ansprechpartner für Verhandlungen hat.

Der irakische Kurden-Präsidenten Massud Barsani | Bildquelle: REUTERS
galerie

Der irakische Kurden-Präsidenten Massud Barsani

Hat Barsani zu viel versprochen?

Der Kurdenführer steht jetzt unter Druck - den er selbst geschaffen hat. Die feinen Unterschiede, worum es in dem Referendum wirklich geht - die Unabhängigkeit oder nur die Gespräche darüber - wurden vor der Abstimmung oft nicht wirklich herausgearbeitet. Barsani hat in der Vergangenheit Popularität eingebüßt, aber das schnell "historisch" genannte Referendum hat das geändert. Die Vision eines Kurdenstaates, zumindest auf bislang irakischem Boden, wurde in der syrischen Kurdenstadt Qamishli genauso frenetisch gefeiert wie in Dohuk und Erbil.

Diesem Projekt können alle Kurden zustimmen - nun freut sich Barsani über neuen politischen Rückenwind. Aber er wird liefern müssen, irgendwas. Wenn viele Kurden nach den durchfeierten Nächten feststellen, dass die Unabhängigkeit so schnell doch nicht kommt, wird die Enttäuschung groß sein. Das kann Barsani nicht riskieren. 

Niemand will einen blutigen Konflikt

Und es wird nicht einfach. Denn kaum ein internationaler Partner unterstützt seinen Unabhängigkeitskurs. Die Türkei droht mit der Schließung der Pipeline, durch die die Kurden ihr Öl exportieren. Diese Pipeline ist die Lebensader der irakischen Kurdenregion. Ohne Öl wird auch das Geld nicht mehr fließen, mit dem die vielen schönen neuen Autos in Erbil und Dohuk bezahlt werden. Zwar wirft der kurdische Offizielle, der nicht genannt werden kann, ein, dass durch diese Pipeline auch anderes, nicht kurdisches Öl fließt - es mit dem Zudrehen so leicht also nicht ist. Aber trotzdem. Wenn es der Türkei ernst ist, kann sie der Kurdenregion wirtschaftlich sehr weh tun.

Aber die Frage ist, ob es wirklich so weit kommen wird. Starke Gesten und laute Worte sind Teil der traditionellen Gesichtswahrung, auf beiden Seiten. Auch wenn der kurdische Offizielle an Saddams Massaker von Halabdscha erinnert, um deutlich zu machen, dass die Kurden das Schlimmste schon erlebt und darum vor nichts Angst hätten - niemand will wirklich einen echten, blutigen Konflikt riskieren.

Teilnehmer einer Kundgebung zur Unabhängigkeit der irakischen Kurden im Norden des Landes | Bildquelle: dpa
galerie

Die Kurden hoffen, dass aus dem Referendum mehr als nur eine Feier wird.

"... dann beruhigen sich alle wieder"

So bleibt zu hoffen, dass Vermittler - etwa aus den USA - Bagdad und Erbil doch an einen Tisch bringen. Dass der Dialog beginnt, den das Referendum ja einleiten wollte, und dass die Drohungen und Maximalforderungen beiseite gelegt werden. "Niemand will kämpfen. Das geht jetzt ein paar Tage, und dann beruhigen sich alle wieder und reden miteinander", meint der anonyme Gesprächspartner. Über die Unabhängigkeit der Kurden, die vielleicht eines Tages kommt, aber mit Sicherheit nicht übermorgen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. September 2017 um 23:45 Uhr und am 23. September 2017 um 06:50 Uhr.

Darstellung: