Zahlreiche Kreuze stehen nebeneinander | Bildquelle: Verena Bünten

Weltspiegel extra "Waffengewalt ist der Krebs von Amerika"

Stand: 26.05.2018 05:31 Uhr

Chicago hat ein massives Gewaltproblem: Nirgendwo sonst in den USA werden so viele Kinder und Jugendliche erschossen. Warum gerade hier? Und wie schafft man es, dem Krieg der Gangs zu entkommen?

Von Verena Bünten, ARD-Studio Washington

Greg arbeitet pausenlos, auch Weihnachten und Thanksgiving gönnt sich der pensionierte Schreiner keine Pause. "Ich muss jeden Tag Kreuze machen, sonst habe ich nicht genug Vorrat", sagt er. Der 66-Jährige ist der selbsternannte Kreuzebauer der Vergessenen. Er hämmert eines für jeden, der in Chicago erschossen wurde. Seine Kreuze stellt er in den Problembezirken der rauen West Side ab. Sie sollen an die Toten erinnern und deren Familien ein Trost sein.

Greg weiß, wie sich das anfühlt, einen Menschen zu verlieren. Vor 22 Jahren fand er seinen Schwiegervater erschossen auf der Hausschwelle. Seitdem baut er Kreuze. "Diese Waffen sind der Krebs von Amerika", sagt Greg. "Ich werde mein ganzes Leben nur noch Kreuze machen - und ich komme trotzdem nicht mehr hinterher."

Greg | Bildquelle: Verena Bünten
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Greg baut für jeden Erschossenen ein Kreuz. Mit der Arbeit kommt er oft nicht hinterher.

Erst Gang-Leader, dann Streetworker

Greg kümmert sich um die Toten, Booney dagegen um die Lebenden: Der imposante 57-Jährige mit dem Rasta-Zopf war früher einer der Anführer der "Vicelords", seiner Gang. Für seine Verbrechen musste er 27 Jahre lang ins Gefängnis, wegen schwerer Körperverletzung und versuchtem Mord. Heute arbeitet Booney als Streetworker und ist eine Autorität im Viertel.

"Hier ist es schlimmer als im Irak und in Afghanistan", sagt Booney. "Die Gewalt kommt nicht von außen, wir erschießen uns gegenseitig. Wenn das ein paar Blocks weiter in den Vierteln der Weißen passieren würde, dann gäbe es sofort Hilfe und Gelder“, ist er überzeugt. Tatsächlich sind es vor allem jugendliche Afro-Amerikaner und Latinos, die Opfer von Gang-Kriminalität und Drogenkrieg werden. Sie stammen aus den seit Jahrzehnten gewachsenen Problemvierteln, in denen es keine Jobs oder Chancen, aber an jeder Straßenecke illegale Waffen gibt.

Booney | Bildquelle: Verena Bünten
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Veteran der Straße: Booney saß wegen seiner Bandenvergangenheit 27 Jahre im Gefängnis

Mit den Temperaturen steigen die Opferzahlen

In keiner anderen amerikanischen Stadt werden in absoluten Zahlen so viele Menschen erschossen. 2016 erreichte die Stadt den traurigen Höchststand seit 20 Jahren: 762 Tote. Mit den Temperaturen steigen die Opferzahlen: An warmen Sommerwochenenden sind sie oft zweistellig.

Es gibt keine einfache Erklärung, warum gerade Chicago so stark betroffen ist. Mehrere Gründe verdichten sich zu einer explosiven Mischung: Die Kluft zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß ist hier besonders tief. Es gibt mehr Waffen, aber nicht mehr Polizisten als in anderen Städten. Die Gang-Szene gilt als sehr kleinteilig und unüberschaubar. Außerdem hat Chicago eine lange Geschichte von rassistischer Polizeigewalt, die das Verhältnis von Minderheiten und Polizisten belastet.

Aufwachsen mit falschen den Helden

Einfach nur am Leben bleiben - für manche Jugendlichen auf der West Side ist das ein ehrgeiziges Ziel. Jonathan ist mit 13 Jahren ins Gang-Geschäft eingestiegen: "Ich bin immer mehr in Schwierigkeiten geraten und musste mich entscheiden, wer meine Leute sind. Hier draußen, aber auch im Knast brauchst Du den Schutz der Gang."

Armani ist gerade mal 18 und als Mädchen dabei: "Alle sprechen bei Gangs nur von Schießereien, aber wir sind viel mehr eine Familie", sagt sie. Tatsächlich gibt es auch kleine Kinder, die stumm mit dem Dreirad durch die tägliche Szenerie aus Drogendealen und Abhängen kurven. Wer hier reingeboren wird, gerät leicht an die falschen Helden.

Armani | Bildquelle: Verena Bünten
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Armani ist eines der wenigen Mädchen in den Gangs. Für sie ist die Gang wie eine Familie.

Davion | Bildquelle: Verena Bünten
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Davion hat den Absprung von der Gang geschafft - mit der Hilfe von Streetworker Booney.

Ausstieg gegen Ablösegeld

Davion hat nochmal den Absprung geschafft. Wer aus der Gang aussteigen will, muss Ablösegeld bezahlen oder wird zusammengeschlagen. Booney hat ihn mit seiner ganzen Autorität rausverhandelt. Heute arbeitet Davion von 22 Uhr bis 6 Uhr in der Nachtschicht - und geht dann um 8 Uhr zur Schule. Er träumt davon, einmal Krankenpfleger zu werden.

Streetworker Booney war sein Notausgang von der schiefen Bahn - und eines der raren Vorbilder. "Alle sagen dir hier, was du nicht machen sollst", bringt es Davion auf den Punkt. "Er aber hat mir gesagt, was ich stattdessen machen kann."

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 26. Mai 2018 um 16:30 Uhr.

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