Rassistische Morde in Italien "Casa Pound" - Vorbild für deutsche Neonazis

Stand: 14.12.2011 15:04 Uhr

Wieder hat ein Rechtsextremist getötet. Nach der Terrorserie in Deutschland und dem Doppelanschlag in Norwegen erschoss nun ein Rechtsextremist in Italien zwei Schwarze. Der Täter ist Buchautor und Anhänger der neofaschistischen Vereinigung "Casa Pound", die deutschen Neonazis als Vorbild dient.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Das Symbol der "Casa Pound"-Bewegung
galerie

Das Symbol der "Casa Pound"-Bewegung

Es war die NPD in Nordsachsen, die im Jahr 2010 einen Vortrag über die "Casa Pound" veranstaltete - in einem neu gegründeten "Schulungszentrum für die nationale Jugend", das nach Angaben der Partei von dem sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel gefördert wird. Maßgeblich am Aufbau des Schulungszentrums beteiligt war demnach der NPD-Funktionär Maik S. - der im Zusammenhang mit der Terrorgruppe NSU auch ins Visier der Ermittler geraten sein soll, wie Medien übereinstimmend berichten. S. erklärte anlässlich des Vortrags über die "Casa Pound" in Delitzsch, Nordsachsen werde mit dem neuen Schulungszentrum "zu einer Muster- und Modellregion, die den politischen Widerstand gegen die Volksverräter von unten nach oben wachsen läßt".

Auch im NPD-"Bildungswerk für Heimat und nationale Identität" war die "Casa Pound" bereits Thema. Dort referierte Thomas S., der als Rädelsführer der verbotenen Schlägertruppe "Skinheads Sächsische Schweiz" bereits ins Gefängnis musste, in diesem Jahr über das Thema "Kulturrevolution von rechts? Das Beispiel 'Casa Pound' in Rom". Neonazis lobten im Internet das Interesse der NPD an dem Konzept aus Italien: Dies sei "der richtige Ansatz, den gerade eine NPD benötigt. Hinsichtlich der Tatsache, dass es vor allem der Jungwähler ist, der der NPD die wenigen Wahlerfolge ermöglicht hat, sollte auch die Arbeit und Struktur der Partei diesen Ansprüchen gerecht werden." Das interessante an dem Bildungswerk der NPD ist ähnlich wie bei der "Casa Pound", dass hier verschiedene Strömungen der extremen Rechten zusammenkommen, um eine Verbindung von Politik und Kultur voranzutreiben. In den Seminaren diskutieren die Rechtsextremen Strategien - die Konzepte aus Italien spielen dabei eine wichtige Rolle.

Von der Linken kopieren

Der Name "Casa Pound" geht auf den Schriftsteller Ezra Pound zurück, der während des 2. Weltkriegs von Italien aus antisemitische und antiamerikanische Propaganda verbreitete - und sich danach nie vom Faschismus distanzierte.

Die "Casa Pound" ist ein rechtsextremes Kulturzentrum in einem römischen Viertel, in dem viele Migranten leben. Neofaschisten besetzten das Gebäude in der Via Napoleone III vor acht Jahren - und bauten es zum wichtigsten Knotenpunkt in ihrem Netz aus. Zudem werden in einem weiteren Gebäude Konzerte organisiert, an denen auch des öfteren deutsche Rechtsextreme teilgenommen haben.

Das Konzept der "Casa Pound", also die Verschmelzung von Politik und Kultur, sei bislang meist der Linken zugeschrieben worden, schrieb der Hamburger Historiker Volker Weiß in der "Frankfurter Rundschau". Das rechtsextreme Zentrum werde von der Stadtverwaltung geduldet und der römischen Polizei im Zweifelsfall beschützt. Mittlerweile habe die "Casa Pound" in der Nachbarschaft deutliche Spuren hinterlassen: "Graffiti und Plakate, auf den ersten Blick von den üblichen Hinterlassenschaften großstädtischer Subkulturen wenig unterschieden, haben in dieser Gegend fast ausschließlich einen rechtsradikalen Hintergrund."

Die Strategie, Stil und Aktionsformen bei der politischen Linken zu kopieren, ist auch in Deutschland bekannt. Zuletzt war es das Konzept der "Autonomen Nationalisten", welches medial für Aufsehen sorgte. Aber auch das Millionengeschäft Rechtsrock basiert auf kulturellen Wurzeln, die zunächst nichts mit dem Rechtsextremismus zu tun hatten. Auch bei dem Konzept der "Freien Kameradschaften" hatten sich deutsche Neonazis in den 1990er-Jahren bei linksradikalen Organisationsformen bedient.

Intellektueller Ideologe der "Herrenrasse"

Ein zugedeckter Leichnam auf der Straße in Florenz | Bildquelle: dpa
galerie

Ein weiteres Opfer von Rechtsextremen in Europa: Ein zugedeckter Leichnam auf der Straße in Florenz.

Von dem Attentäter von Florenz, Gianluca Casseri, distanzierte sich die "Casa Pound"-Bewegung nun schnell. Doch dies scheint wenig glaubwürdig. Der deutsche Blogger Kai Tippmann, der in Italien lebt, schreibt, Casseri sei ein intellektueller Ideologe der "Herrenrasse" gewesen, ein Kenner der neofaschistischen Bewegungen und Analytiker von deren Gründungsmythen. Als großer Comic-Liebhaber habe Casseri im "Casa Pound" wiederholt über seine Lieblingscharaktere Tex und Tin Tin referiert.

In den "Protokollen des Weisen von Alessandria" legte der Attentäter laut Tippmann die antisemitische Theorie der jüdischen Weltverschwörung aus den "Protokollen der Weisen von Zion" neu auf und würzt das mit den extremsten Anwandlungen der Holocaust-Leugner. Casseri verband demnach eine Mischung aus völkischer Esoterik, schwarzer Magie und Antisemitismus, wie sie aus rechtsextremen Kreisen bekannt ist. In seinem Buch "La Chiave del Caos", das auch in Deutschland angeboten wird, entwirft Casseri eine Welt, in der die nordischen, germanischen "Rassen" ständig vom "Chaos" der Außenwelt bedroht seien - ähnlich wie der rechtsextreme Massenmörder Anders Breivik in seinem "Manifest".

Die Spur der rechtsextremen Mörder durch Europa

Damit setzt sich eine beunruhigende Terrorserie fort: In Deutschland ermordeten die rechtsextremen Terroristen aus Thüringen mindestens zehn Menschen, in Norwegen mussten 77 Menschen sterben, die meisten waren sozialdemokratische Jugendliche. Nun waren es zwei Senegalesen, die in Florenz auf offener Straße erschossen wurden. Weitere Personen wurden verletzt, Casseri erschoss sich nach seiner Tat selbst.

Während Rechtsextremisten aus Deutschland immer wieder sehnsüchtig nach Italien schauen, um von dem Konzept der Verschmelzung von Politik und Kultur zu lernen, ließ sich der Attentäter von Florenz möglicherweise von den deutschen Kameraden "inspirieren". Das Motto der Rechtsextremen lautet dabei: "Taten statt Worte". Eine Botschaft, die lange Zeit überhört wurde - und zu einer blutigen rechtsextremen Terrorserie in Europa führte.

Darstellung: