Polizeikräfte führen in Moskau einen Demonstranten ab | Bildquelle: AP

Nach Protesten in Moskau "Der Staat darf keinen Krieg gegen seine Jugend führen"

Stand: 30.03.2017 05:00 Uhr

Das, was am Sonntag in Moskau geschehen ist, sorgt für Aufregung in der Gesellschaft. Tausende - vor allem junge Leute - protestierten gegen Regierungschef Medwedew, viele wurden dafür festgenommen. Nun erhoben Künstler und Politiker ihre Stimme.

Von Hermann Krause, ARD-Studio Moskau

Die gesellschaftliche Diskussion in Russland um die Ereignisse vom vergangenen Sonntag reißt nicht ab. Das offizielle politische Moskau würde gerne zur Tagesordnung übergehen und so tun, als wäre nichts geschehen, aber: "Wenn Sie verfolgten haben, was am Sonntag geschehen ist, dann haben Sie bestimmt gesehen, wie junge Frauen, Studentinnen oder Schülerinnen an Armen und Beinen gefasst und weggeschleppt wurden. Das war grob, das war Gewalt."

Dies sagte überraschend bei der Verleihung des "Nika"-Filmpreises in Moskau der angesehene Regisseur Alexander Sokurow. Der Staat dürfe keinen Krieg gegen seine Jugend führen, so Sokurow weiter: "Man muss die jungen Leute verstehen. Sie haben begriffen, was in unserem Land passiert. Sie wollen die Wahrheit erfahren. Und wir müssen ihnen zur Seite stehen, um eine politische Katastrophe zu verhindern."

Plötzlich politisch

Bei der Veranstaltung im Theater "Mossowjet", die plötzlich nicht mehr glamourös, sondern politisch wurde, traten dann auch Schauspieler auf und kritisierten das Vorgehen der Sondereinheiten. Die für Reformen und gegen Korruption auf die Straße gegangen seien, habe man weggesperrt.

Ein anderer bekannter Regisseur, Alexej Krassowski, berichtete bei der Preisverleihung: "Am 26. März waren sehr viele Menschen für unsere Freiheit auf die Straße gegangen. Junge Leute. Mehr als 1000 wurden festgenommen. Das sind ungefähr doppelt so viele wie hier im Saal. Viele der jungen Leute haben zwischen fünf und 25 Tage Haft bekommen. Bei manchen wird die Strafe verlängert, sodass sie ihren Geburtstag nicht zu Hause, sondern im Knast feiern werden."

Polizisten gehen gegen Anti-Korruptions-Demo in Moskau vor | Bildquelle: AP
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Viele junge Leute waren am vergangenen Sonntag dem Protestaufruf gefolgt. Viele von ihnen befindet sich derzeit in Haft. (Archiv)

Auch Schriftsteller meldeten sich mittlerweile zu Wort - darunter Michael Waehler, Boris Akunin und Victor Jerofejew. Sie alle kritisieren, dass die offiziellen Medien das Thema überhaupt nicht wahrnehmen - weder die Korruptionsvorwürfe gegen Regierungschef Dmitri Medwedew noch den Einsatz.

Alexander Tscherkassow von der Menschenrechtsorganisation Memorial betonte: "Wenn man sich die Videoaufnahmen anschaut, so ist zu sehen, dass die Sonderheiten selbst dann Menschen festnahmen, als es keine Unruhen, keine Rechtsverletzungen gab. Unsere erfinderische Polizei begründete den Widerstand so: Der Festgenommene habe sich mit Füßen gegen den Asphalt gestemmt."

Alexej Nawalny | Bildquelle: dpa
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Oppositionsführer Alexej Nawalny wurde zu 15 Tagen Haft verurteilt. Seine Recherchen hatten ergeben, dass sich Medwedew mithilfe von Strohmännern ein beachtliches Immobilien-Reich geschaffen habe.

Regierung soll sich zu Medwedew äußern

Als einer der prominentesten Politiker Russlands fordert Sergey Mironow, Vorsitzender der Partei "Gerechtes Russland", dass sich die Regierung zu den Korruptionsvorwürfen gegen Medwedew äußern solle. Mironow gehört - wie es in Russland heißt - zur system-internen Opposition. Vertreter der Kommunistischen Partei erklärten, es müsste ein Ausschuss gebildet werden, die Staatsanwaltschaft müsse das Ganze untersuchen.  

Die einflussreiche Vorsitzende des Föderationsrates Valentina Matwijenko erklärte: "Wir müssen mit der Öffentlichkeit sprechen. Die Regierung darf nicht so tun, als wäre nichts passiert. Alle Abgeordneten der Duma, die Senatoren, die Vertreter der Exekutiven, auch in den Regionen müssen mit den Leuten sprechen, um zu verstehen, warum sie protestieren, was ihre Sorgen sind, und die Probleme dann lösen."

Dienstreise ins Land der Eisbären

Einer ist dazu anscheinend nicht bereit: Medwedew ist erst einmal abgetaucht. Präsident Wladimir Putin hat ihn mitgenommen - angeblich nicht geplant - auf eine Reise in den hohen Norden zum Franz-Josef-Land, einer Inselgruppe im Nord-Polar-Meer, benannt nach dem österreichischen Kaiser Franz-Josef. Dort gibt es vorwiegend Eisbären und Eisschollen.  

Dmitri Medwedew und Wladimir Putin in Franz-Josef-Land | Bildquelle: AP
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Abgetaucht in Franz-Josef-Land: Medwedew und Putin

Nach Demonstrationen in Russland: Künstler und Politiker erheben ihre Stimme
H. Krause, ARD Moskau
29.03.2017 21:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. März 2017 um 08:25 Uhr.

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