Mursi-Wahlsieg: Freude in Gaza - Verunsicherung in Israel

Freudenfeier in Gaza nach Mursis Sieg in Ägypten (Bildquelle: dapd)

Nach Wahlausgang in Ägypten

Freude in Gaza - Verunsicherung in Israel

Während die Hamas in Gaza feiert, ist man in Israel besorgt über den Sieg eines Muslimbruders im Nachbarland. Speziell dessen Äußerungen zum Iran haben in Jerusalem für Irritationen gesorgt. Soll man abwarten oder auf die neue Führung im Nachbarland zugehen?

Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv.

Im Gazastreifen schwenken einige Kinder ägyptische Fahnen. Sie rufen immer wieder den Namen des neuen Präsidenten im Nachbarland, Mursi. Mohammed Mursi gehörte bis gestern zu den Muslimbrüdern.* Also der Organisation der auch die Hamas entstammt, die in Gaza regiert. Ministerpräsident Haniyeh gratuliert zur Wahl:

"Wir schauen nach Ägypten. Das Land soll eine historische Rolle spielen - in Bezug auf die palästinensische Sache. Den Palästinensern helfen, Freiheit zu erlangen, in ihre Häuser zurückzukehren und die Belagerung des Gazastreifens zu beenden. Ich wünsche Ägypten nationale Einheit."

Zwei junge Palästinenser fahren auf einem Moped. In der Hand hält der eine eine ägyptische und eine palästinensische Fahne. (Bildquelle: dpa)
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In Gaza löste der Wahlsieg Mursis Freude aus.

Hamas sieht sich gestärkt

Die Hamas sieht sich durch den Sieg ihrer Unterstützer in Kairo in ihrer Position gestärkt – zumindest trägt sie dieses Bild nach außen. Die mit ihr konkurrierende palästinensische Organisation, die Fatah hofft, von den ägyptischen Muslimbrüdern noch gleichwertig behandelt zu werden.

Der israelische Abgeordnete und ehemalige Minister Ben-Elizer glaubt, dass Verhalten Ägyptens gegenüber den Palästinensern sei ein Schlüssel, um die Bedeutung des neuen ersten Mannes in Kairo zu verstehen. "Das Ägypten Mubaraks hat die palästinensische Autonomiebehörde unterstützt und war gegen die Hamas. Das Ägypten von Mursi unterstützt die Hamas und ist gegen die Autonomiebehörde", skizziert Ben Elizer die Lage.

Dem Staat Israel rät er zu einer Doppelstrategie: "Ich würde dem Staat Israel zwei Dinge vorschlagen: sowohl Wege der Kommunikation mit der islamistischen Führung zu suchen, aber langfristig bereit zu sein für eine Auseinandersetzung mit Ägypten."

Irritation über Äußerung Mursis zum Iran

In Israel sorgen vor allem Aussagen des ägyptischen Präsidenten zu Iran für Schlagzeilen. Mursi hat sich für bessere Beziehungen zu Teheran ausgesprochen, um ein strategisches Gleichgewicht in der Region herzustellen, wie er sagt. Israel ist im Streit um Irans Atomprogramm aber bemüht, die Führung in Teheran möglichst international zu isolieren.

Das zweite wiederkehrende Thema in Israel ist der Friedensvertrag von 1979. Mursi erklärt er wolle alle internationalen Verträge respektieren -  vor allem auch, weil daran die finanzielle Unterstützung der USA hängt. Israels Ministerpräsident Netanjahu sagt, er erwarte die Zusammenarbeit mit Ägypten fortzusetzen – die gibt es nahezu ausschließlich in Fragen der Sicherheit – also mit dem Militärrat in Kairo.

Die Verunsicherung sei groß, erklärt Sharon, eine Passantin in Jerusalem: "Wir sind alle besorgt. All die Stimmen für Mohammed Mursi", fasst sie die Stimmungslage in der Bevölkerung zusammen, noch habe sie aber Hoffnung, dass Mursi am Status Quo mit Israel nicht rütteln wird: "Hoffentlich versteht er so wie wir, dass Frieden die einzige Möglichkeit ist im Nahen Osten zu leben."

Muss Israel Ägypten entgegenkommen?

Alles so lassen, stillhalten und abwarten? Der Abgeordnete der Kadima-Partei Hasson warnt davor, dass die heikle Beziehung zu Ägypten bei Untätigkeit weiter Schaden nehmen könnte. Ein Ausweg und ein Signal an Kairo seien neue Gespräche mit der palästinensischen Autonomiebehörde.

Auch der Analyst des zweiten Fernsehprogramms, Ehud Yaari, hält das für einen gangbaren Weg: "Ich weiß nicht, ob es den Hass mildern würde, aber es würde sicher das Verhalten verändern", meint er. Dass man in der palästinensischen Frage vorankommen müsse sei ohnehin völlig klar, so Yaari weiter.

"Ich denke schon seit vielen Jahren, dass wir zu viel Zeit untätig verstreichen lassen, viel zu viele Jahre und dass etwas getan werden müsste." Dass sich an der grundsätzlichen Einstellung der ägyptischen Muslimbrüder gegenüber Israel etwas ändern lasse, bezweifelt der Experte allerdings.

Oder bleibt doch alles beim Alten?

Dagegen hält der ehemalige israelische Botschafter in Kairo Shaked, die Forderungen der Muslimbrüder würden verdünnt durch die Macht des Militärrates. Soll heißen, der Zusammenarbeit im Bereich Sicherheit steht auch nach der Wahl von Präsident Mursi nichts im Weg.

*Anmerkung der Redaktion: Wie angekündigt hatte die Muslimbruderschaft am Sonntag nach dem Sieg ihres Kandidaten, Mohammed Mursi, dessen Mitgliedschaft in der Bruderschaft sowie deren Partei "Freiheit und Gerechtigkeit" für beendet erklärt.

Stand: 25.06.2012 14:51 Uhr

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