Kurdische Kämpfer in Rakka | Bildquelle: REUTERS

Rakka bald Angriffsziel? Terrormiliz IS evakuiert ihre "Eliten"

Stand: 08.04.2017 12:58 Uhr

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat angesichts eines möglichen Angriffs Führungs- und Verwaltungspersonal aus ihrer Hochburg Rakka gebracht und in die Städte Mayadin und Abu Kamal an der Grenze zum Irak verlegt. Die humanitäre Lage in Rakka spitzt sich zu.

Von Georg Heil, WDR

Bereits Anfang Februar wurden nach Erkenntnissen des WDR Familien ausländischer IS-Kämpfer, darunter auch Personen aus Deutschland, in die Stadt Mayadin gebracht. Jetzt bestätigt ein ausländischer Nachrichtendienst, dass es auch zum Abzug von Führungspersonal aus Rakka gekommen ist. Ein Informant aus Syrien berichtet: "Sie schaffen gerade alles von Rakka nach Mayadin und Abu Kamal. In Rakka selbst sind kaum noch hochrangige Leute vom IS."

Wird Mayadin die neue IS-Hochburg?

Die Recherchen decken sich auch mit den Informationen der Wissenschaftler Asaad Almohammad und Anne Speckhard, die am "International Centre for the Study of Violent Extremism" (ICSVE) in den USA zum IS forschen. "Wir haben Beweise, dass der IS Personal, das von hohem Wert für die Gruppe ist, und finanzielle Ressourcen nach Mayadin schafft. Aus sicheren Quellen wissen wir zudem, dass solche Aktivitäten schon im vergangenen August begonnen haben. In jüngster Zeit ist dann auch vermehrt Personal aus den mittleren Rängen verlegt worden. Die Stadt Mayadin könnte ein sicherer Hafen für den IS sein", erklärt Almohammad, der sich derzeit im Irak aufhält. Mayadin könnte künftig dem IS als Hauptquartier für seine Operationen dienen. "In den vergangenen zwei Jahren hat der IS große Operationen eher aus der Stadt Tabqah als aus Rakka heraus geplant. Wir glauben, Mayadin soll nun der neue Ort für solche Planungen sein."

Strategische Vorteile aus Sicht des IS

Die Stadt Mayadin, die vor dem Krieg rund 70.000 Einwohner zählte, liegt rund 190 Kilometer südöstlich von Rakka im Euphrat-Tal in der Provinz Deir-ez-Zor. Rund 80 Kilometer weiter flussabwärts befindet sich Abu Kamal, das direkt an der Grenze zum Irak liegt. Ein Rückzug in diese Region ergibt aus Sicht der Terrororganisation durchaus Sinn: Hier ist der IS durch die umgebende Wüste geschützt - potentielle Angreifer müssten lange Nachschubwege organisieren, wenn Luftschläge allein nicht ausreichen und sie sich der Stadt am Boden nähern müssten.

Zudem ist die Region am Rande Syriens für viele Bürgerkriegsparteien im Land eher uninteressant. Insbesondere für die kurdisch dominierten Kräfte der "Syrian Democratic Forces" (SDF), da die Gegend um Mayadin fernab der kurdischen Siedlungsgebiete liegt. Außerdem gilt die benachbarte irakische Anbar-Provinz mit ihrer überwiegend sunnitischen Bevölkerung als eine der Hochburgen des IS im Irak.

Menschen fliehen aus Rakka

In der Stadt Rakka, die als Hauptstadt des vom IS ausgerufenen Kalifats gilt, spitzt sich die humanitäre Lage derzeit weiter zu. Die kurdisch-arabischen SDF stehen vor den Toren der Stadt und wollen noch im April militärisch gegen die IS-Hochburg vorgehen. Die USA unterstützen die Offensive mit Luftschlägen, Spezialeinheiten am Boden und mit Artillerie der US-Marine-Infanterie.

Angesichts der bevorstehenden Kämpfe versuchen immer mehr Einwohner aus der Stadt zu Fuß in die von der SDF-Miliz kontrollierten Gebiete zu fliehen. Dabei müssen die Menschen jedoch Minenfelder, die der IS angelegt hat, durchqueren. Nach einem Bericht der syrisch-kurdischen Nachrichtenagentur ARA News hätten es aber dennoch rund 2000 Menschen geschafft, aus Rakka zu fliehen.

Deutlich weniger IS-Kämpfer in Rakka

Mehrere Quellen berichteten übereinstimmend, dass die Präsenz der IS-Kämpfer auf den Straßen Rakkas deutlich abgenommen hat. Nach groben Schätzungen von Sicherheitsexperten halten sich noch 2000 bis 4000 Kämpfer der Terrormiliz in der Stadt auf. Dass der IS Rakka kampflos aufgeben wird, glaubt wohl niemand. "Die Zivilisten in Rakka wünschen sich alle, dass der IS abzieht, aber die Terrormiliz hat alles untertunnelt. Der IS hat eine Stadt unter der Stadt gebaut. Sie werden wohl bis zum Ende kämpfen. Märkte, Straßen und IS-Quartiere sind mit großen Tüchern abgespannt, damit sie nicht sichtbar sind für angreifende Flieger", berichtet eine Aktivistin, die sich Muna Abdullah nennt, vor einigen Tagen im Skype-Interview mit dem Schweizer Rundfunk.

Um Rakka zu verteidigen, ist der IS offenbar auch bereit, seine bisherige Praxis zu ändern - so soll die Terrormiliz nach Informationen des WDR zur Verteidigung der Stadt auch Frauen das Kämpfen erlaubt haben und auch, sich als Selbstmordattentäterinnen für den IS zu opfern.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juni 2017 um 06:50 Uhr.

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