Rafah: Der Blick nach Ägypten

Pufferzone zum Gazastreifen Ägypten reißt halb Rafah ab

Stand: 05.02.2015 09:02 Uhr

Die Stadt Rafah ist seit Jahrzehnten geteilt: eine Hälfte gehört zu Ägypten, die andere zum Gazastreifen. Weil die Zahl der Anschläge auf dem Sinai zunimmt, greift Ägypten nun zu radikalen Methoden - und will die halbe Stadt einebnen. Die betroffenen Familien müssen ihre Heimat verlassen.

Von Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Das Haus von Yussuf Qushta liegt ganz im Süden des Gazastreifens. Er lebt in der Stadt Rafah, direkt an der Grenze zu Ägypten. In seinem Wohnzimmer kann man Explosionen hören. Der Knall kommt von der ägyptischen Seite, jenseits der Grenzmauer. Seit Wochen erschüttern Sprengungen Qushtas Haus, jeden Tag.

Yussuf Qushta
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Yussuf Qushta auf dem Dach seines Hauses in Rafah | Bildquelle: Torsten Teichmann

Rafah ist eine geteilte Stadt. Die eine Hälfte gehört zum Gazastreifen, die andere liegt in Ägypten. Qushtas Familie lebte auf beiden Seite der Grenze: "Meine Cousine lebte dort neben der Moschee. Und dahinter ist meine alte Schule" erklärt Qushta, auf dem Dach seines Hauses stehend. "Ich bin 1963 geboren. Als ich zur Schule kam, nach dem Sechs-Tage-Krieg, war hier alles unter israelischer Kontrolle. In Rafah gab es damals keine Grenzen."

Ägypten will eine Pufferzone schaffen

Schule und Moschee sind hinter der Grenzmauer jetzt gut zu sehen - die ägyptische Armee hat alle anderen Häuser in dem Gebiet bereits gesprengt und planiert. Qushta erzählt, dass die Behörden seine Cousine Suha Hija gezwungen haben, Haus und Land zu verlassen. "Dort sind schon sämtliche Häuser zerstört worden", erzählt er. "Sie haben Geld bekommen, als Kompensation. Einige Bewohner sind nach Al-Arisch im Sinai, die meisten aber in Richtung Kairo gegangen."

Ägypten will auf seiner Seite der Grenze eine Pufferzone schaffen mit dem Ziel, den Schmuggel und die Anschläge von Militanten auf ägyptischem Gebiet, dem Sinai, zu verhindern. Ende Januar hatten Terroristen mehr als 30 Soldaten und Zivilisten bei zwei Anschlägen getötet. Danach verfolgten auch die Palästinenser in Gaza die Ansprache des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi angespannt. "Das ist eine Schlacht", sagte Sisi. "Ich will nicht sagen, dass andere Staaten, die in Afghanistan oder Irak dem Terrorismus gegenüberstanden, weggerannt sind. Aber Ägypten wird es ganz bestimmt nicht tun. Der Sinai gehört zu Ägypten oder wir sterben."

Die Armee tolerierte die Tunnel lange

Ägypten macht zum Teil die in Gaza dominierende Hamas-Organisation für die Eskalation auf dem Sinai verantwortlich. Eigentlich riegelt Ägypten gemeinsam mit Israel den Gazastreifen weitgehend ab. Trotzdem hatte die Armee lange Zeit den Schmuggel durch Hunderte Tunnel entlang der Grenze toleriert, womöglich auch daran verdient. Nur durch die Tunnel war die Versorgung der 1,8 Millionen Palästinenser möglich, ohne dass Kairo seine offizielle Blockade des palästinensischen Gebiets aufgeben musste.

Rafah: Der Blick nach Ägypten
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Vom Dach von Qushtas Haus kann man bis auf die ägyptische Seite blicken.

Seit die Zahl der Anschläge auf dem Sinai zunimmt, habe die Armee aber einen anderen Weg eingeschlagen, sagt der Palästinenser Qushta: "Die haben Probleme mit den Islamisten. Zu Zeiten von Mubarak und Mursi haben sie zugelassen, dass die Tunnel bauen. Und jetzt haben sie Probleme, machen die Tunnel zu, halten die Grenze geschlossen und bestrafen alle Menschen." Das sei unfair, sagt er: "Die Zivilisten werden einfach bestraft, wir leiden darunter."

Seine Cousine aus dem ägyptischen Teil von Rafah sei nach Al-Arisch gegangen. Dort fehlt ihr das Geld, um neues Land zu kaufen. Sie ist alleinstehend, hat sechs Söhne und drei Töchter. Die angekündigte Kompensation werde nur für Baumaterial gezahlt, erklärt Qushta. Die miserable Situation könnte den Rückhalt für militante Gruppen auf dem Sinai noch stärken. Also genau das Gegenteil von dem, was die ägyptische Regierung erreichen will.

Qushta versucht, seine Söhne nach Europa zu bringen

Und auch im palästinensischen Teil von Gaza werde es auf absehbare Zeit nicht besser. Qushta versucht, seine Söhne nach Europa zu bringen. Einer sei rausgekommen und habe es bereits von Libyen aus in einem Boot über das Mittelmeer geschafft, sagt der frühere Hauptmann der Polizei: "Die Kinder haben keine Arbeit, die Wirtschaftslage ist schlecht und so lange Hamas die Macht hat, wird sich daran nichts verändern."

Vom Dach der Familie Qushta in Rafah ist die Zerstörung auf ägyptischer Seite zu sehen. Auf der palästinensischen Seite fallen zwei Zelte auf: Breite Zelte mit schwarzen Plastikplanen. Dort wird wieder gegraben. Neue und längere Tunnel nach Ägypten sollen es werden.

Der ägyptische Gouverneur für den Nord-Sinai hat nun angekündigt, den gesamten ägyptischen Teil der Stadt Rafah abreißen zu wollen. Die Pufferzone auf ägyptischer Seite könnte bis zu fünf Kilometer breit werden. Eine Lösung für die verbliebenen Bewohner und deren Angehörige auf palästinensischer Seite gibt es nicht.

Familien zerrissen durch Zerstörung des ägyptischen Teils von Rafah
Torsten Teichmann, ARD Tel Aviv
04.02.2015 21:50 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 05. Februar 2015 um 05:37 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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