Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Südasien.
Polizei- und Krankenwagen rasen durch Kabuls Diplomatenviertel – wieder einmal. Nicht weit von dem Ort, wo Burhanuddin Rabbani in einem streng bewachten Anwesen wohnte, beschoss vor einer Woche ein Taliban-Kommando die US-Botschaft mit Panzerfäusten. Alle Sicherheitsvorkehrungen halfen nichts. Der Attentäter schaffte es, ungehindert zu dem bekannten Ex-Präsidenten Rabbani vorzudringen und dann in dessen Haus seinen Sprengsatz zu zünden.
[Bildunterschrift: Nach dem Anschlag auf Rabbani riegelten Polizisten die Umgebung des Hauses ab. ]
Ein Augenzeuge berichtet, dass der Attentäter nicht durchsucht worden sei, als er Rabbanis Haus betrat. Er habe seinen Sprengsatz im Turban versteckt gehabt und ihn dann bei der Begrüßung des Politikers gezündet. Rabbani erwartete offenbar Besuch von zwei Taliban-Unterhändlern. Es spricht vieles dafür, dass einer von ihnen der Attentäter war – und man ihn deshalb nicht kontrollierte, weil das Rabbani-Umfeld ihm vertraute.
Die Schockwellen des politischen Mordes verbreiteten sich schnell. Afghanistans Präsident Hamid Karsai machte sich umgehend wieder auf den Nachhauseweg aus New York, sprach kurz vorher aber noch mit US-Präsident Obama. "Ich glaube nicht, dass wir diese Lücke leicht schließen können. Er war einer der wenigen so besonderen Menschen in Afghanistan, die man in keiner Gesellschaft oft antrifft. Ein fürchterlicher Verlust. Aber dies wird uns nicht von unserem Weg abbringen und wir werden definitiv Erfolg haben."
Burhanuddin Rabbani verkörperte so vieles: den Widerstand gegen die Sowjet-Besatzung in den 80er Jahren, die Feindschaft der Nordallianz, der er angehörte, zu den Taliban. Zuletzt aber vor allem eins: die Hoffnung auf Aussöhnung mit den Extremisten. Vor nicht ganz einem Jahr machte Präsident Hamid Karsai ihn zum Vorsitzenden des Hohen Friedensrates, der Gespräche mit den Taliban anbahnen sollte.
Als größte Hoffnung der Afghanen bezeichnete Präsident Karsai den Friedensrat damals – doch mit dem gestrigen Attentat schwinden die Hoffnungen auf Verhandlungen mit den Extremisten immer mehr. Die Afghanistan-Schutztruppe ISAF sieht in dem Mord an Rabbani einen direkten Angriff auf die Friedensinitiative. Auch wenn Frieden und Sicherheit vermutlich genau die Dinge sind, nach denen sich die Bevölkerung am meisten sehnt. "Wir haben es verdient, so zu leben, wie andere auf dieser Welt auch", so eine Frau in Kabul. Man müsse mit dem Friedensprozess weitermachen, sagt sie.
Weit waren die Verhandlungen mit den Extremisten dem Vernehmen nach noch nicht gediehen. Doch wer auch immer es war, der Rabbani nach dem Leben trachtete, das Vertrauen der Konfliktparteien dürfte nun noch mehr beschädigt sein als vorher.
Für die Hoffnung auf Frieden gilt das ebenso. Die NATO hatte zwar zuletzt auf militärische Erfolge im Land verwiesen, die Taliban hatten aber derweil einen spürbaren Taktik-Wechsel vollzogen. Sie nehmen vermehrt hochrangige Militärs und Politiker ins Visier, um mit derlei Attacken noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Und, so möglicherweise ihr Kalkül, den Abzug des Westens noch zu beschleunigen.
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW