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850 Jahre Notre Dame
Emanuel, Quasimodo und das Erbe der Revolution
Von Victor Hugo bis Walt Disney - die Geschichte des buckligen Glöckners der Pariser Kirche Notre Dame ist oft erzählt worden. In Paris haben die Feiern zum 850. Geburtstag der berühmten Kathedrale begonnen. Was viele nicht wissen: Noch heute läutet dort Quasimodo die Glocken.
Von Evi Seibert, SWR-Hörfunkstudio Paris
Der Glöckner von Notre Dame heißt auch heute noch Quasimodo. Er ist immer pünktlich, außer wenn der Strom ausfällt oder wenn ein unverherhergesehenes Ereignis eintritt. Quasimodo ist ein Computerprogramm, das alle Glocken in Notre Dame steuert. Sein Vorgänger, der bucklige Glöckner aus dem Roman von Victor Hugo ist auch noch da. Unter dem Dachstuhl bewacht er als steinerne Statue den Eingang.
Im Südturm hängt der Star: Emanuel, die größte und tiefste Glocke, die den Parisern seit 1658 große Ereignisse verkündet hat. Die Feuersbrunst im 17. Jahrhundert ebenso wie das Ende des zweiten Weltkriegs. "Als Emanuel im Mai 1945 zu läuten begann, wussten alle Pariser: Es ist vorbei. Dieser Klang hat sie so berührt, dass viele auf der Straße angefangen haben zu weinen", erzählt Glockenmeister Regis Singer. "Emanuel hat einen ganz besonderen Charakter: Er ist weich und samten - man erkennt ihn sofort."
Wer ist eigentlich heute der Glöckner von Notre Dame?
E. Seibert, SWR Paris
12.12.2012 09:48 Uhr
Nebenjobs als "Clochard"
Dieser Klang von Emanuel hat sich bis heute nicht verändert - nur die Art, wie die Glocke zum Schwingen gebracht wird. Anfangs brauchte der Chef-Glöckner bis zu 40 Helfer. Er ging dann auf den Kirchenvorplatz und heuerte Arbeitslose an, erzählt Singer. "Sie mussten natürlich kräftig sein, weil Glockenläuten schwere Arbeit ist - da muss man Tonnen bewegen." Die Helfer bekamen dann ein paar Münzen oder Rotwein. Daher kommt übrigens auch der Begriff Clochard, von cloche, der Glocke.
Ab 1851 wurden diese Nebenjobs knapper. Die Glocken von Notre Dame wurden jetzt per Fußpedal in Bewegung gesetzt - das konnten acht Leute alleine schaffen. Auch für das große Geläut von Notre Dame.
Emanuel harmoniert nicht mit seinen Schwestern
Sehr musikalische Ohren können dabei hören, dass das ein bisschen schief klingt. Angelique Francoise, Antoinette Charlotte, Hyacinte Jeanne und Denise David, so heißen die vier kleineren Glocken, sind nämlich nach der Revolution aus minderwertigem Metall gegossen worden und harmonieren nicht so richtig mit dem großen Bruder Emanuel. Sie wurden deswegen abgehängt, so dass Notre Dame zurzeit nicht alle Glocken im Turm hat. Erst im März kommen die neuen wohlklingenden Nachfolger.
Rektor Patrick Jaquin freut sich auf diesen Moment: "Ich finde es wunderbar, dass diese neuen Glocken, neun an der Zahl, zusammen mit dem großen Emanuel so klingen werden wie vor der Revolution", sagt er.
Geläutet wird aber mit der Technik des 21.Jahrhunderts. Motoren setzen die Glocken in Schwingung, gesteuert vom Computersystem Quasimodo. Nur wenn der Strom ausfällt müssen wieder die menschlichen Quasimodos ran - die guten alten Pedale von 1851 stehen dafür noch einsatzbereit im Glockenturm.
Stand: 12.12.2012 19:19 Uhr
