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Berufungsprozess in Moskau vertagt
Rätselraten um "Pussy Riot"-Strategie
Nach der überraschenden Vertagung des "Pussy Riot"-Berufungsverfahrens wird über die Gründe gerätselt. War es Taktik, dass eine der Musikerinnen einen neuen Anwalt fordert? Oder ein Schuldeingeständnis? Die Spekulationen gehen in mehrere Richtungen.
Von Matthias Reiche, ARD-Hörfunkstudio Moskau
Der Hintergrund des Manövers ist nicht klar zu erkennen. Jekaterina Samuzewitsch sprach von unüberbrückbaren Differenzen mit ihrer Verteidigerin, ohne diese näher zu erklären. Einige russische Journalisten glauben, dass es dabei um unterschlagene Briefe ginge und um die undurchsichtige Verwendung von Spendengeldern für "Pussy Riot".
Deren zweiter Verteidiger Nikolaj Polosow, sagt, dass er davon nichts wisse. Angeblich wurde er von dem Geschehen auch völlig überrascht. Bisher habe es niemals Meinungsverschiedenheiten zwischen Verteidigung und Mandantinnen gegeben: "Im Laufe des Prozesses wurde viel Druck sowohl auf unsere Mandantinnen, wie auch auf uns Anwälte ausgeübt. Vielleicht liegt in dieser Belastung der Grund für die unerklärbare Reaktion von Samuzewitsch. Dieser Druck hat in den vergangen Tagen noch zugenommen. Hier mischen einfach sehr viele Kräfte mit, die alle darum konkurrieren, die Situation zu kontrollieren."
Reaktionen nach Abbruch von Pussy Riot-Berufungsverfahren
M. Reiche, ARD Moskau
01.10.2012 17:28 Uhr
"Klar, dass dem Antrag stattgegeben werden muss"
So würde die russische Regierung und die Kirche die für sie sehr unangenehme Affäre lieber heute als morgen beendet wissen. Die Opposition möchte dagegen ihre Heldinnen weiter auf den internationalen Titelseiten sehen. Für die Vertreter der Anklage ist die Sache deshalb klar. "Eine Angeklagte hat heute ohne jede Vorankündigung auf die Dienste ihrer Verteidigerin verzichtet. So etwas tut man in aller Regel nur, wenn man den Prozess verzögern möchte", sagt Anna Ussatschowa, die Sprecherin des Gerichts. "Das Gericht hat da keine Wahl, denn es muss das Recht auf Verteidigung für alle Angeklagten garantieren. Deshalb war klar, dass dem Antrag stattgeben werden muss."
Spekulieren kann man auch, ob der Alleingang einer der drei Musikerinnen auf Differenzen zwischen ihnen hindeuten könnte. Gestern hatte die russisch-orthodoxe Kirchenführung kaum verklausuliert davon gesprochen, dass ein öffentliches Reuebekenntnis Auswirkungen auf den Ausgang ihres Berufungsverfahrens haben würde. Vielleicht zieht die 30-jährige Samuzewitsch einen solchen Schritt eher in Erwägung als ihre 22 und 24 Jahre alten Mitverurteilten.
"Kein Reuebekenntnis"
Völliger Unsinn, sagt Pjotr Wersilow. Der Ehemann von "Pussy-Riot"-Frontfrau Nadeschda saß als Besucher mit im Gerichtssaal. "Nein! Dass, was ganz sicher nicht passiert - ist ein Reuebekenntnis. Es wird auf gar keinen Fall ein Schuldbekenntnis geben. Dass was heute im Gerichtsaal passierte, war für mich keine Überraschung. Und man kann davon ausgehen, dass auch die Mädchen und noch andere wussten, was passieren würde", sagte Wersilow.
"Das heute war einfach nur eine Verfahrenssache, die im Grunde nicht viel bedeutet. Es wird sich an unserer Strategie nichts ändern. Es wird mit einem neuen Anwalt möglicherweise kleine Veränderungen in der Linie der Verteidigung geben. Darüber hinaus bleibt alles wie es ist, und die Mädchen halten zusammen. Aber warten wir jetzt einfach ab. Es ist noch zu früh, darüber zu reden. Am 10. Oktober wird alles geklärt sein."
An dem Tag soll es den zweiten Anlauf im Berufungsverfahren gegen "Pussy Riot" geben. Auf Klägerseite hat man allerdings einige Befürchtungen. Tatsächlich wäre denkbar, dass dann eine der beiden anderen Frauen einen ähnlichen Antrag auf den Austausch ihres Rechtsbeistandes stellt.
Stand: 01.10.2012 20:43 Uhr
