Punks in London (Archivbild) | Bildquelle: picture-alliance / Mary Evans Pi

Punk-Jubiläum 40 Jahre Anarchie

Stand: 26.11.2016 11:53 Uhr

Kunst, Mode - aber vor allem Musik. Vor 40 Jahren sorgten die Sex Pistols mit "Anarchy in the UK" für den Punk-Urknall und wurden mit Bands wie The Clash zu den Helden einer frustrierten, wütenden Jugend.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

London, 26. November 1976: Die Sex Pistols veröffentlichen ihre erste Single in Großbritannien. Es ist Punkrock pur, verpackt zunächst in einer schlichten schwarzen Plattenhülle. Der Titel ist so programmatisch wie provokativ: "Anarchy in the UK".  

Der Manager der Sex Pistols, Malcom McLaren, nennt diesen Song später ein "Statement der Selbstbestimmung, der ultimativen Unabhängigkeit". Mitte der 1970er-Jahre steckt das Land in einer Rezession: Junge Briten aus der Arbeiterklasse finden keine Jobs, fühlen sich ausgeschlossen, sind frustriert, wütend - und finden im Punk eine Ausdrucksform für ihre Unzufriedenheit.

40 Jahre Punk: Aktionskunst der genervten Erben
tagesthemen 23:30 Uhr, 26.11.2016, Julie Kurz, ARD London

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Es ist der Aufschrei einer Jugend, die keine Zukunft für sich sieht. Nicht allein die Sex Pistols mischen die Musikszene auf, auch Bands wie die Buzzcocks, The Clash und The Damned prägen den Sound - und den Look - des Punk: zerrissene Kleidung, T-Shirts mit sexuellen Motiven, überdimensionale Sicherheitsnadeln.

"Es war gut, endlich etwas zu sein. Ein Punk eben, Teil einer Protestbewegung, einer Subkultur", erzählt ein früherer Londoner Punk. Der Körper gepierct - und der Stachelfrisur folgt später der Irokesenschnitt: Er hat nicht vergessen, wie ihn die Leute auf der Straße anstarrten.

"Uniform der Revolte"

Das Londoner Punk-Paar schlechthin sind in den späten 1970er-Jahren McLaren und Vivienne Westwood. Die führen eine schwierige Liebesbeziehung, erregen aber mit ihren Aktionen Aufsehen. Auf der King’s Road im Stadtteil Chelsea eröffnen sie ein Geschäft, das SEX heißt - ein Skandal. Westwood verkauft dort ihre selbstentworfene Mode, die sie in der Rückschau als "moderne Form des Kreuzzugs" betrachtet, als "Uniform der Revolte".

Westwood ist damals Anarchistin, weil sie den Kapitalismus ablehnt - und weil niemand schlimmer sein könne als die herrschende Klasse, die sie für überflüssig hält.

Sex-Pistols | Bildquelle: picture-alliance / dpa
galerie

Helden der Unzufriedenen: Die Sex Pistols

1977, als Großbritannien das 25. Thronjubiläum von Elisabeth II. feiert, sorgen die Sex Pistols mit ihrer zweiten Single für das nächste öffentliche Ärgernis - denn in "God Save the Queen" verunglimpfen sie die Monarchin. Radioprogramme weigern sich, den Song zu spielen - und das britische Establishment, in Politik und Medien, betrachtet den Punkrock spätestens jetzt als Feind.

"Einfach widerlich"

Der konservative Politiker Bernard Brook Partridge etwa macht seinerzeit keinen Hehl aus seiner Abneigung: "Ich denke, die meisten dieser Gruppen würden sich durch ihren plötzlichen Tod verbessern. Die schlimmste Punkrock-Band sind die Sex Pistols, sie sind einfach widerlich, sie sind die Antithese der Menschheit. Am besten, jemand buddelt ein sehr, sehr großes Loch und wirft die ganze Bande hinein."

McLarens und Westwoods Geschäft wird regelmäßig von randalierenden Fußball-Fans demoliert, Punks werden auf offener Straße angegriffen, und in fast allen Pubs auf der King’s Road sind sie unerwünscht.

Der Punk hat keine wirklichen Vorgänger und keine echten Nachfolger. Was also ist heute, 40 Jahre nach dem Urknall dieser Bewegung, von ihr eigentlich geblieben? Das fragt auch "Punk.London" - eine Kulturinitiative der britischen Hauptstadt. Sie begeht schon das ganze Jahr über das Jubiläum, gefördert unter anderem von der Lotterie-Stiftung: Ein Witz, einfach nur lächerlich sei dieses leere, kommerzielle Erinnerungsspektakel, regt sich Joseph Corré auf, der 1967 geborene Sohn des Duos McLaren/Westwood. Dass heute ausgerechnet die Institutionen des Establishments eine anarchistische Bewegung vereinnahmen, findet er ätzend.

Brennende Wut auf die Punk-Nostalgie

Corré ist entrüstet, dass selbst ein Tory-Politiker wie Boris Johnson zum sentimentalen Punk-Liebhaber mutiert: Eton-Privatschüler, in Oxford Mitglied des elitären Bullingdon Club, bis zum Frühjahr Londoner Bürgermeister, heute Außenminister, dazwischen Brexit-Frontmann. Corrés Wut auf die neue Punk-Nostalgie ist so groß, dass er jetzt bei einer "Lagerfeuer-Party" seine Sammlung von Memorabilia verbrennen will - weil sie für ihn keinen Wert mehr hat.

Joseph Corré | Bildquelle: REUTERS
galerie

Corré will seine Punk-Reliquien verbrennen.

Jede Menge Klamotten, seltene Album-Editionen der Sex Pistols, Teile der Ladeneinrichtung des SEX-Shop, dazu Magazine, Plakate, Tickets: All das soll den Flammen zum Opfer fallen. Corré, Gründer des Dessous-Labels Agent Provocateur, sagt: "Was vom Punk bleibt, ist nicht irgendwelches Zeug, sondern die Idee - im Kern: Zerstörung. So mancher Sammler würde indes bei einer Auktion viel Geld für seine Punk-Reliquien hinblättern, deren Wert Corré auf fünf Millionen Pfund schätzt.

Nicht nur Corré, auch andere sind erzürnt - so wie der DJ, Musiker und Regisseur Don Letts, der beklagt, dass sogar eine amerikanische Schnellimbisskette schon mit den Melodien der Buzzcocks wirbt; einfach alles stehe zum Verkauf im Kapitalismus - auch der Punk.

Zwischen Irokesenschnitt und Dschungelcamp

Das vom verstorbenen Sex-Pistols-Mann Sid Vicious gemalte Graffiti in einem Haus an der Musik-Meile Denmark Street in London-Soho steht seit kurzem unter Denkmalschutz. Einige der früheren Punker haben den Marsch durch die Institutionen angetreten, andere tragen noch heute stolz ihren Irokesenschnitt: Johnny Rotten, einst Sänger der Sex Pistols, macht 2004 sogar bei der Dschungelcamp-Show "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" mit - und provoziert wie eh und je.

Und was treibt Vivienne Westwood, inzwischen 75 Jahre alt, heute, neben ihrer Mode? Die Verbrennungsaktion ihres Sohnes gefällt ihr. Und auch sie selbst engagiert sich weiter politisch: gegen den Brexit, für Flüchtlinge, für den Klimaschutz. Und sie glaubt an das, was sie tut.

Aber auch Westwood lässt sich bereits Anfang der 1990er-Jahre von der Queen einen Orden anheften - wenn sie auch zur Verleihung im Buckingham Palast zwar ein schickes Kleid trägt, aber nach eigener Aussage keine Unterhose. Die Punk-Rebellin in ihr ist bis heute lebendig, auch 40 Jahre nach "Anarchy in the UK".

40 Jahre britische Punk-Bewegung
S. Pieper, ARD London
26.11.2016 10:22 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. November 2016 um 23:30 Uhr.

Darstellung: