Eine Gerichtszeichnung zeigt den Angeklagten Abdelkader Merah. | Bildquelle: AFP

Terrorangriff in Toulouse 20 Jahre Haft für Merah-Bruder

Stand: 02.11.2017 19:16 Uhr

Fünfeinhalb Jahre nach der islamistischen Terrorserie von Toulouse hat ein Gericht den angeklagten Abdelkader Merah zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt.Der 35-Jährige sei an einer terroristischen Vereinigung beteiligt gewesen, urteilte das Schwurgericht.

Von Janine Bechthold, ARD-Studio Paris

Ein Pariser Schwurgericht hat Abdelkader Merah zu 20 Jahren Haft wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Es war ein spezielles Schwurgericht, das nur aus Berufsrichtern bestand. In dem Prozess hatte die Anklage dem 35-Jährigen vorgeworfen, seinem Bruder Mohamed bei der Vorbereitung der Anschläge geholfen zu haben, bei denen sieben Menschen getötet wurden. Das Gericht machte sich aber den Vorwurf der Beihilfe zu sieben Morden nicht zu eigen und blieb mit dem Strafmaß unter der von der Staatsanwaltschaft geforderten lebenslänglichen Freiheitsstrafe.

Neben Abdelkader Merah wurde auch ein Jugendfreund von Mohamed Merah verurteilt. Er erhielt eine Haftstrafe von 14 Jahren, weil er an einer terroristischen Vereinigung beteiligt war. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von 20 Jahren gegen Fettah Malki gefordert, weil er dem Attentäter damals eine kugelsichere Weste und die Maschinenpistole geliefert haben soll, die er bei den Attentaten benutzt hatte. Sein Verteidiger plädierte auf Freispruch.

Mohamed Merah - der jüngere Bruder des nun Verurteilten - hatte zwischen dem 11. und 19. März 2012 in Montauban drei Soldaten ermordet und wenige Tage später in Toulouse einen Lehrer und drei Kinder vor einer jüdischen Schule erschossen.

"Geistiger Vater der Anschläge"

Mohamed Merah wurde am 22. März 2012 von der Polizei erschossen, als Sondereinheiten der Ordnungskräfte die Wohnung stürmten, in der er sich tagelang verschanzt hatte. Der Attentäter hatte sich zum Terrornetzwerk Al-Kaida bekannt.

Ort des Attentats in Montauban | Bildquelle: AFP
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Mohamed Merah tötete am 15. März 2012 in Montauban zwei Soldaten

Gebäude, indem Mohamed Merah sich 2012 verschanzt hatte | Bildquelle: AP
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In diesem Gebäude verschanzte sich Mohamed Merah nach seiner Tat

Die Attentate waren der Beginn einer islamistischen Terrorwelle, die Frankreich seit 2012 erschüttert. Die Staatsanwältin Naima Rudloff hält Abdelkader Merah sogar für den geistigen Vater der Anschläge, die Mohamed Merah verübt hat. Die Urteile gegen Abdelkader Merah und Fettah Malki könnten richtungsweisend für kommende Terrorprozesse sein.

Die Verteidiger beider Angeklagter hatten auf Freispruch plädiert. Sie stellten das Verfahren immer wieder als Stellvertreter-Prozess dar. "Ich versichere Ihnen, Herr Vorsitzender (des Gerichts), dass Herr Abdelkader Merah hier ist, weil sein Bruder tot ist. Falls Mohamed Merah noch leben würde, wäre er alleine in der (Angeklagten-) Box", sagte Eric Dupont-Moretti , der Anwalt von Abdelkader Merah. Der Angeklagte selbst wandte sich zum Abschluss des Prozesses erneut an den Vorsitzenden Richter Franck Zientara, um seine Unschuld zu beteuern: "Herr Vorsitzender, ich möchte sagen, dass ich nichts mit den von meinem Bruder verübten Morden zu tun habe."

Schwer erträgliche Vergleiche

Der fast fünfwöchige Prozess hat den Familienangehörigen der Ermordeten viel Haltung abverlangt. Nicht nur, weil Abdelkader Merah immer wieder seine Unschuld beteuerte. Sondern auch, weil sein Anwalt die Trauer der Mutter Mohamed Merahs um ihren Sohn mit dem Schmerz der Opferangehörigen gleichsetzte. Für die Familienangehörigen der Ermordeten, aber auch für viele Prozessbeobachter waren diese Vergleiche nur schwer zu ertragen.

Die polizeilichen Ermittlungen ergaben bereits im Vorfeld der Gerichtsverhandlung, dass die Familie Merah in einer radikalisierten Parallelwelt jenseits der französischen Gesellschaft und deren demokratischen und freiheitlichen Werten lebt. Radikalislamistische Ideen seien von allen Familienmitgliedern vertreten worden. Nur Abdelghani, ein Bruder Mohamed Merahs, hat diese islamistische Ideologie nicht geteilt. Er hatte bereits vor den Attentaten jeden Kontakt zu seiner Familie abgebrochen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. November 2017 um 20:00 Uhr.

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