Das Sincan-Gefängnis bei Ankara | Bildquelle: AFP

Nach dem Türkei-Putsch 330 Soldaten - ein Prozess

Stand: 28.02.2017 05:06 Uhr

Auftakt für einen Mammutprozess: In Ankaras Vorort Sincan müssen sich ab heute Hunderte mutmaßliche Putschisten vor Gericht verantworten. Das Verfahren gegen Soldaten aus allen Hierarchieebenen dürfte sich über Monate hinziehen.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

In Ankara beginnt heute ein Prozess gegen 330 Militärangehörige. Sie sind in Folge des Putschversuchs vom 15. Juli angeklagt. Unter den Angeklagten sind auch hochrangige Generäle wie etwa der Kommandeur der Artillerieschule Ankara, General Osman Ünlü, oder der Kommandant des 58. Artillerie-Bataillons, General Murat Aygün. Er zum Beispiel soll den Auftrag gehabt haben, die Telekommunikationsbehörde und das Nachrichten-Satellitenzentrum in Ankara zu besetzen.

Oberst Bilal Akyüz wiederum wird für den Tod von neun Zivilisten verantwortlich gemacht, die den Putschisten den Zugang zur Luftwaffenbasis Ankara versperren wollten.

Ob General, Oberst oder einfacher Gefreiter - alle 330 Angeklagten und ihre Anwälte finden Platz in dem riesigen, modernen Gerichtssaal auf dem Gelände der Haftanstalt Sincan vor den Toren Ankaras. Immerhin ist es ein ziviles Gericht und nicht mehr ein Militärgericht, wie es noch vor einigen Jahren der Fall gewesen wäre. Die Vorwürfe lauten Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der Versuch, die verfassungsrechtliche Ordnung außer Kraft zu setzen und Regierung und Parlament an der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu hindern, sowie vorsätzliche Tötung.

Türkei Putsch | Bildquelle: REUTERS
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15. Juli 2016: Soldaten auf einer Istanbuler Bosporus-Brücke. Bei dem Putschversuch wurden Hunderte Menschen getötet.

Bis zu drei Mal lebenslang gefordert

Die Staatsanwaltschaft fordert für die Angeklagten bis zu drei Mal lebenslange Haft unter erschwerten Bedingungen. Als Nebenkläger treten unter anderem der Generalstabschef und die Familien von Opfern des Putschversuchs auf.

Der erste Prozesstag dürfte Experten zufolge damit vergehen, die Anwesenheit der Angeklagten und ihrer Anwälte zu protokollieren und allenfalls die Anklageschrift zu verlesen. Bis die ersten Plädoyers der Verteidigung gehalten sind, dürften etwa sechs Wochen vergehen. Mit Urteilen ist eher nach der Sommerpause zu rechnen. Bei dem Putschversuch am Abend des 15. Juli 2016 waren rund 250 Menschen ums Leben gekommen, viele davon in Ankara.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Februar 2017 um 06:00 Uhr und die tagesschau um 09:00 Uhr.

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