Radovan Karadzic (1994) | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Prozess gegen Karadzic Begegnung mit einem Schreibtischtäter

Stand: 24.03.2016 15:51 Uhr

Radovan Karadzic beschreibt sich selbst als friedliebenden, unschuldigen Menschen. Ein Hohn für die Hinterbliebenen des Massakers von Srebrenica. Martin Durm erinnert sich an eine Begegnung mit dem ehemaligen Serbenführer und beschreibt dessen Weltsicht.

Von Martin Durm, SWR

Radovan Karadzic ist auf seine alten Tage grau geworden und schmal, nicht mehr so rundlich wie in seinen besten Zeiten in Pale. Sieben Jahre Untersuchungshaft haben Wirkung gezeigt. Da steht er also vor dem Vorsitzenden Richter und kann es nicht fassen. Dass sie ihn angeklagt und verurteilt haben, wegen Kriegsverbrechen, wegen Srebrenica und Sarajevo; ausgerechnet ihn.

Karadzic: Ich bin ein friedliebender Mensch

Unmenschlich sei er behandelt worden, hatte sagte Karadzic während der vielen Prozesstage in Den Haag immer wieder erklärt. Dabei sei er ein friedliebender Mensch, tolerant, weltoffen, er habe diesen Krieg nicht gewollt.

Radovan Karadzic und Ratko Mladic | Bildquelle: Reuters
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Zusammen mit dem bosnisch-serbischen General Ratko Mladic (rechts) organisierte Karadzic die Vertreibung und Massaker an der muslimischen Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas. Der Prozess gegen Mladic läuft noch vor dem Den Haager Tribunal. Ein Urteil wird für nächstes Jahr erwartet.

"Ich habe diesen Krieg nicht gewollt." Das hatte ich schon einmal von ihm gehört, vor langer Zeit, im Kriegswinter 1993, in Pale. Ich war damals als Berichterstatter in Sarajevo und hatte die Erlaubnis bekommen, zusammen mit dem ARD-Korrespondenten Friedhelm Brebeck Karadzic in Pale zu interviewen. Pale war die sogenannte Serben-Hochburg, wo Karadzic residierte und seine Anordnungen gab.

Der Weg aus Sarajevo führte über die Frontlinie hinweg in die Berge, die gespickt waren mit Stellungen serbischer Artellerie. Fast vier Jahre lang wurde Sarajevo von bosnisch-serbischer Soldateska beschossen, belagert und ausgehungert. Es war die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. 11.000 Menschen kamen ums Leben. 11.000. Das sagt sich so leicht. Dabei genügt auch heute ein kurzer Anruf in Sarajevo, um zu begreifen, dass dieser Krieg zwar beendet ist. Aber nichts ist vorbei.

Der Horror ist bis heute nicht vorbei

Für Selma Rebic ist der Krieg nach wie vor nicht vorbei: "Es ist immer da, die Wunden sind immer noch groß. Ich meine damit meinen Vater und dass wir ihn verloren haben. Die 31-Jährige arbeitet in einem Krankenhaus in Sarajevo. Sie war neun, als eine serbische Granate ihren Vater und sechs andere Passanten in den Straßen von Sarajevo zerfetzte. "Das war 10. Juni 1992", erzählt sie. "Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht daran denke".

Als wir damals auf der Fahrt von Sarajevo nach Pale das Niemandsland hinter uns hatten, kamen wir zum ersten serbischen Checkpoint. Die Milizionäre waren angetrunken und bester Laune, weil sie, wie sie sagten, den Moslems da unten gleich einheizen würden. Das taten sie auch: Tag und Nacht wurde Sarajevo beschossen. Die Stadt war so ausgebrannt wie die Belagerten, die darin lebten. Pale hingegen, nur eine halbe Autostunde von Sarajevo entfernt, war eine friedliche, verschlafene Kleinstadt. Karadzic residierte dort in einer weiträumigen Villa.

Ein undatiertes Foto von Radovan Karadzic in Belgrad | Bildquelle: AP
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Als Wunderheiler war Karadzic bis 2008 untergetaucht.

Radovan Karadzic in Den Haag | Bildquelle: dpa
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Inzwischen ist der Rauschebart ab. Im Prozess verteidigte er sich selbst.

Gemütlicher Mann mit Hosenträgern

Es war sein Hauptquartier während des Krieges, von dort aus verwaltete er die Belagerung Sarajevos. Der Serbenführer trug Hosenträger, das weiß ich noch. Er wirkte wie ein gemütlicher Hausherr, der gerade sein Mittagsschläfchen gemacht hat. Ein Schreibtischtäter, vor ihm ausgebreitet lag der Stadtplan von Sarajevo. Wir fragten ihn, ob er die militärische Lösung erzwingen wolle. "Ich denke, jeder Krieg muss einmal beendet werden", sagte Karadzic. "Dieser Krieg kann entweder durch politische Gespräche beendet werden oder durch die totale Niederlage einer Seite. Und wenn es keine andere Möglichkeit gibt, dann müssen wir uns gewaltsam von unseren Feinden trennen." Was der bosnische Serbenführer kalt lächelnd sagte, klang wie eine Drohung.

Serbenführer Karadzic wegen Völkermords verurteilt
tagesthemen 23:15 Uhr, 24.03.2016, Arnim Stauth, WDR

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Abgetaucht als Wunderheiler mit Rauschebart

22 Jahre ist das nun her. Im August 1995, nach dem Massaker von Srebrenica, griff die NATO in Bosnien ein. Der Krieg endete mit dem sogenannten Dayton-Abkommen, und Karadzic tauchte unter als Dr. Dragan Dobic. Er ließ sich einen Rauschebart wachsen und eröffnete am Stadtrand von Belgrad eine gut gehende Praxis als Wunderheiler.

Erst Kriegsherr, dann Wunderheiler; für Karadzic war das kein Widerspruch. Er hatte und hat wohl noch immer ein reines Gewissen vor der Geschichte, meint der Gewaltforscher und Historiker Jörg Baberowski. "Gewalt anzuordnen ist etwas völlig anderes als Gewalt auszuüben, das Schreien der Menschen zu hören, das Blut zu sehen. Das ist ja gerade das Furchtbare, dass die Schreibtischtäter sich nicht überwinden müssen." Gewalt bleibe für sie nur eine Vorstellung. Die getötet haben aber, müssten ein Leben lang mit dem Schrecken leben, diejenigen, die am Schreibtisch saßen, aber nicht.

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Radovan Karadzic - vom Serbenführer zum Angeklagten

Karadzic in Den Haag

Er war Präsident, lebte lange auf der Flucht und stand am Ende vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal: Radovan Karadzic als prägte als Führer der bosnischen Serben eine der düstersten Epochen Bosnien-Herzegowinas. | Bildquelle: Reuters

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. März 2016 um 06:45 Uhr

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