Protest gegen Tod eines Fischhändlers im nordmarokkanischen Al Hoceïma | Bildquelle: AFP

Proteste in Marokko nach Tod eines Fischhändlers "Wir alle sind Mouhcine Fikri"

Stand: 01.11.2016 05:01 Uhr

Im Norden Marokkos wird ein Fischhändler von einer Müllpresse zerquetscht, nachdem Polizisten seinen Fisch in einen Müllwagen geworfen hatten. Seitdem sind viele Gerüchte im Umlauf, warum er ums Leben kam. Der Fall hat im ganzen Land Proteste ausgelöst.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

Es ist ein Horrorvideo, das durch das Internet kursiert. Freitagabend in Al Hoceïma, einer Küstenstadt am Mittelmeer, im Norden Marokkos. Menschen versammeln sich um ein Müllauto, auf einmal springt die Maschine an und beginnt, Müll zu zerquetschen. Die Menschen schreien - weil die Müllpresse nicht leer ist. Ein Mensch sitzt darin, der Fischhändler Mouhcine Fikri. Er wird grausam zerquetscht und stirbt. Wie konnte das passieren?

Zuvor hatten Polizisten Fisch des Händlers beschlagnahmt. Die Begründung: Für diese Art Fisch herrsche zurzeit Fangverbot. Die Polizisten beschlagnahmten Fikris Fisch aber nicht, sondern warfen ihn in einen Müllwagen, um ihn zu vernichten. Fikri sprang hinterher, um seinen wertvollen Fisch zu retten - die Rede ist von Ware im Wert von 10.000 Euro.

Was danach passierte, darüber gibt es bisher nur Gerüchte und viele Fragen: Wieso fing die Hydraulikpresse des Müllautos an zu laufen, obwohl Fikri noch im Innenraum war? Ordneten die Polizisten das an? Und versuchten die Polizisten vorher, Schmiergeld zu erpressen?

Protest gegen Tod eines Fischhändlers im nordmarokkanischen Al Hoceïma | Bildquelle: AFP
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Die Proteste begannen schon kurz nach dem Tod des Fischhändlers.

"Leute, die unsere Werte zerquetschen"

Kurz nach der Beerdigung des Fischhändlers gab es landesweit Proteste. Am Sonntagabend demonstrierten in der Hauptstadt Rabat Tausende Menschen vor dem Parlament.

"Wir sind hierher gekommen, um das abscheuliche Verbrechen zu verdammen, das dem Märtyrer Mouhcine Fikri widerfahren ist", sagt die Demonstrantin Latifa Wahba. "Wir verurteilen dieses Verbrechen strikt, das wir mit unseren eigenen Augen gesehen haben. Es ist ein Verbrechen mit Vorsatz!“ Auf vielen Schildern steht: "Wir alle sind Mouhcine Fikri." Viele Demonstranten erlebten selbst schon unangenehme Situationen mit der Polizei oder hörten davon.

Für viele Marokkaner steht der Fall Fikri symbolisch für die Willkür und den Machtmissbrauch der Polizei, sagt ein junger Marokkaner: "Das ist ein Sozialverbrechen. Deswegen gibt es jetzt viele Proteste in Marokko, um unsere Wut auszudrücken gegen diesen barbarischen Akt, der von Leuten begangen wurde, die nicht einmal das Gesetz respektieren, die auch unsere fundamentalen demokratischen Werte zerquetschen." Die Leute seien gekommen, um Forderungen an das Parlament zu stellen.

Enttäuschung nach dem Arabischen Frühling

Viele Menschen kamen, die zur Bewegung des 20. Februars gehören - der marokkanischen Version des Arabischen Frühlings. Für sie ist der Fall auch ein Symbol dafür, wie wenig sich ihre Hoffnungen auf mehr Freiheit im Land erfüllten. Marokko hatte damals einige Forderungen der Bewegung erfüllt: Wahlen vorgezogen, eine neue Verfassung ausgearbeitet, die Marokkanern mehr Rechte zubilligt.

Hohe Arbeitslosigkeit, das schlechte Gesundheits- und Bildungssystem, die Korruption - diese Probleme sind geblieben, findet Ahmed Boukous. Er ist der Direktor des Königlichen Instituts für Amazigh Kultur (IRCAM) – der Ureinwohner in Marokko. "Auf der symbolischen Ebene ist der Fall schlimm", sagt er. Denn es bedeute, dass der Staat seine Bürger nicht respektiere. Hier gebe es einen "fundamentalen Wertekonflikt": Die Marokkaner müssten überprüfen, wie sie mit Problemen umgehen. "Denn bis heute haben wir die Krise im Land nur kaschiert, anstatt ihr mit Mut gegenüber zu treten", meint er.

Regierung nimmt die Unruhen ernst

Palast und Regierung haben schnell auf die landesweiten Proteste reagiert. König Mohammed VI, - obwohl noch auf Auslandsreise - kündigte eine "minutiöse Aufklärung des Falles" an und schickte seinen Innenminister nach Al Hoceïma, um der Familie Fikris sein Beileid auszusprechen. Die schnelle Reaktion zeigt, dass Marokko sich eine Woche vor der Klimakonferenz in Marrakesch keine Proteste im Land leisten mag.

Wie sehr sich auch die Demonstranten der internationalen Aufmerksamkeit bewusst sind, zeigt ein Schild, das sie in Richtung Parlament in die Höhe halten. Darauf steht zynisch: "Herzlich willkommen zur Klimakonferenz - hier zerquetschen wir Menschen!"

Wir sind alle Mouhcine Fikri
D. Sadaqi, ARD Rabat
01.11.2016 05:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. November 2016 um 08:00 Uhr.

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