Ex-General Slobodan Praljak | Bildquelle: AP

Nach Selbstmord vor UN-Gericht Woher kam das Gift?

Stand: 30.11.2017 19:52 Uhr

Nach dem Tod des bosnisch-kroatischen Ex-Generals Praljak im UN-Gerichtssaal ermittelt die niederländische Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zum Suizid. Unklar ist, wie der Kriegsverbrecher an das Gift gelangt ist und wer ihm dabei geholfen haben könnte.

Von Ludger Kazmierczak, WDR

Ja, Slobodan Praljak habe tatsächlich einen toxischen Stoff zu sich genommen. Das bestätigte jetzt die niederländische Staatsanwaltschaft. Spuren des Gifts seien in dem Fläschchen nachgewiesen worden, aus dem der Angeklagte während der Urteilsverkündung getrunken hatte.

Um welchen Stoff es sich genau handelt, will die Behörde vorerst nicht sagen. Zunächst soll der Leichnam des 72-Jährigen obduziert werden. Es sei auch müßig, darüber zu spekulieren, was Praljak geschluckt habe, meint der Toxikologe Aalt Bast. Von Zyankali über Botulin und pflanzliche Mittel bis hin zu Bakterien sei vieles denkbar.

"Es ist gar nicht so einfach, ein gutes Gift zu finden, das dich schmerzfrei in eine andere Welt bringt", erklärt Bast. "Meistens geht das mit schrecklichen Begleiterscheinungen einher. Oft ist es auch eine Frage der Dosierung. Viele Stoffe aus dem Pflanzen- und Tierreich sind Giftstoffe."

Staatsanwälte ermitteln wegen Beihilfe zum Suizid

Noch ist ungeklärt, wann und wie der ehemalige General an das Gift gelangt ist. Hatte er es schon in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis von Scheveningen, oder wurde es ihm erst im Gericht zugesteckt? Und sollte Letzteres der Fall gewesen sein - wer könnte es ihm gereicht haben?

Die Staatsanwälte ermitteln jedenfalls nicht nur wegen eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, sondern auch wegen Beihilfe zum Suizid. Angesichts der strengen Sicherheitskontrollen im Gefängnis und im Gericht wundert sich Cedo Paic darüber, dass der giftige Stoff unentdeckt bleiben konnte. Der Niederländer mit kroatischen Wurzeln bezeichnet sich als Freund Praljaks und hat den Angeklagten mehrfach in der Untersuchungshaft besucht.

"Wenn ich da reingehe, muss ich durch zwei Sicherheitsschleusen", beschreibt Paic das Prozedere. "Normalerweise kannst du da keine Mücke, keine Stecknadel hinein schmuggeln. Wie das Gift dahin gekommen ist, das muss die Justiz klären."

Paic, der mit seiner Frau in der Nähe von Amsterdam lebt, fragt sich, warum sein Freund das getan hat, und warum gerade jetzt. Denn Praljak saß bereits seit 13 Jahren in Untersuchungshaft. Bei guter Führung wäre der 72-Jährige vermutlich schon in zwei bis drei Jahren ein freier Mann gewesen. Nichts, so Paic, habe auf einen Selbstmord des früheren Armeechefs der bosnischen Kroaten hingedeutet.

Er habe nie etwas bemerkt, sagt Paic. "Er war ein fröhlicher Mensch, immer lachend, immer für einen Witz zu haben. Für mich ist das ein großer Schock, dass ich das jetzt miterlebt habe."

Gesellschaft zweigeteilt

Wie zerrissen die Gesellschaft in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien noch immer ist, zeigte sich gestern Abend besonders in der bosnischen Stadt Mostar. Kroatische Bewohner stellten Hunderte von Kerzen auf und gedachten des Kriegshelden Praljak. Dagegen blieb es im muslimischen Teil der Stadt dunkel.

Bosnische Kroaten beten und entzünden Kerzen für Praljak in Mostar. | Bildquelle: REUTERS
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Bosnische Kroaten beteten und entzündeten Kerzen für Ex-General Slobodan Praljak in Mostar.

Die Richter hatten den damaligen Militärchef der bosnischen Kroaten auch für die Zerstörung der alten osmanischen Brücke von Mostar im November 1993 schuldig gesprochen. Vier mitangeklagte Militärs und ein Politiker wurden ebenfalls verurteilt - zu Haftstrafen in Höhe von zehn bis 25 Jahren.

Ermittlungen nach dem Gift Selbstmord im UN-Tribunal
Ludger Kazmierczak, ARD Den Haag
30.11.2017 18:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. November 2017 um 20:00 Uhr.

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