Swetlana Alexijewitsch | Bildquelle: dpa

Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch Chronistin der Realität

Stand: 08.10.2015 15:55 Uhr

Swetlana Alexijewitsch lässt in ihren Werken Zeitzeugen zu Wort kommen, lässt die niedergeschriebene Realität aus den Gedanken und Worten ihrer interviewten Figuren entstehen. Dafür wurde der Weißrussin früher Antikommunismus vorgeworfen und heute Landesverrat.

Von Jan Ehlert, NDR

Die Straße sei für sie ein Chor, eine Sinfonie, sagte Swetlana Alexijewitsch, als sie 2013 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Doch es ist meist eine schreckliche, grausame Sinfonie, die dort zu hören ist, zusammengesetzt aus einer Vielzahl von Stimmen, die von den furchtbaren Kriegen des 20. Jahrhunderts erzählen.

Da ist die Stimme der vierjährigen Marina, die ihren richtigen Namen nicht mehr kennt. Ihre Eltern wurden ermordet – und als sie im Kinderheim ein Kleid geschenkt bekommt, ist ihr einziger Wunsch: "Begrabt mich in diesem Kleid".

Da ist die Stimme der achtjährigen Sina, die vor Hunger bereit war, alles zu essen. Doch selbst die Baumrinde und die Knospen an den Zweigen wurden bereits von anderen hungernden Kindern verzehrt.

Da sind aber auch die Stimmen der Ärzte nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl, die den Frauen verbieten, zu ihren verstrahlten Männern zu gehen, mit den Worten: "Das ist nicht mehr der geliebte Mensch, das ist ein strahlenverseuchtes Objekt."

Christoph Bungartz, Kulturredaktion NDR, im Gespräch über weitere Preise von Alexijewitsch
tagesschau24 14:30 Uhr, 08.10.2015

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"Chronistin der Realität"

Alle diese Geschichten haben sich tatsächlich so abgespielt. Alexijewitsch hat dafür Tausende von Gesprächen geführt und es sind diese Zeitzeugen der sowjetischen Geschichte, die sie in ihren Büchern zu Wort kommen lässt. In "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" sind es die russischen Frauen, die im Zweiten Weltkrieg an der Front dienten. In "Zinkjungen" sind es Soldaten und Angehörige aus dem Afghanistan-Krieg. In "Die letzten Zeugen" kommen Erwachsene zu Wort, die als Kinder den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Russland überlebten.

Im Grunde seien alle diese Bücher nur ein einziges Buch, sagt Alexijewitsch selbst über ihr Werk. Sie bezeichnet sich als Chronistin der Realität, auch wenn diese sehr hart sei.

Wie hart, das musste Alexijewitsch selbst bereits als Kind erfahren. Sie kam im Mai 1948 in der Westukraine zur Welt. Ihre Mutter war Weißrussin, ihr Vater sowjetischer Offizier. Die Familie war so arm, dass es tagelang nichts zu essen gab. Nur der Äbtissin eines Frauenklosters, die ihnen Ziegenmilch spendete, sei es zu verdanken, dass sie überlebt habe, erzählt Alexijewitsch.

Sowjets warfen ihr Anti-Kommunismus vor

Bücher der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch | Bildquelle: REUTERS
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Bücher der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch

Schon damals lernte sie das Zuhören, an den langen Abenden vor dem Haus, an denen sich die Alten und Überlebenden vom Schrecken des Krieges erzählten. Als Korrespondentin aus Afghanistan sah sie dann auch den Krieg mit eigenen Augen. Bald darauf, in den 1970er-Jahren, begann sie, erste Interviews aufzuzeichnen.

Ihr erstes Buch, "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht"  vollendete sie 1983. Veröffentlicht wurde es nicht: Das Sowjetregime warf ihr Antikommunismus vor, Alexijewitsch verlor ihre Stelle bei einem Literaturmagazin. Das Bild der Verlierer des Krieges, der Stummen, Schwachen und Verstümmelten passte nicht in das Selbstbild der starken Supermacht. Erst 1985, dank der einsetzenden Öffnung des Landes durch Michail Gorbatschow konnte das Buch erscheinen.

In ihrer Heimat Weissrussland gilt sie als Landsverräterin

In ihrer Heimat Weißrussland werden jedoch alle ihre Bücher bis heute nicht gedruckt. "Landesverrat" wirft man ihr dort vor, selbst ihr eigener Bruder beschimpfte sie: "Solche wie ihr habt Euch kaufen lassen". 

"Wer sagt, dass der Krieg zu Ende ist, wenn nicht mehr geschossen wird?" heißt es am Ende ihres Buches "Zinkjungen". Und auch für Alexijewitsch ist der Kampf gegen das Vergessen nicht vorbei. Besonders deutlich wird das in ihrem Buch "Secondhand-Zeit". Darin  lässt sie Russinnen und Russen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Wort kommen. Es sind beunruhigende Stimmen, die darin zu hören sind, geprägt von Verunsicherung, aber auch von Hass und der Sehnsucht nach einstiger Stärke.

Alexijewitsch lässt auch sie zu Wort kommen, ihre eigene Position formuliert sie aber deutlich: Den Krieg in der Ukraine gebe es nicht, wenn es nicht Putin mit seiner geopolitischen Strategie gebe, sagte sie unlängst in einem Interview, und ergänzte: "Der russische Staat hat immer darauf gespuckt, dass die Menschen nicht sterben wollen - auch heute". Doch die Menschen - selbst die Schwachen und Leisen - haben eine Stimme. Swetlana Alexijewitsch ist es zu verdanken, dass diese Stimmen in der ganzen Welt gehört werden können.

Literatur-Nobelpreis für Weißrussin Swetlana Alexijewitsch
tagesthemen 22:15 Uhr, 08.10.2015, Birgit Virnich, ARD Minsk

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