Sebastian Kurz (ÖVP), Außenminister  von Österreich | Bildquelle: dpa

ÖVP-Kanzlerkandidat Kurz Eine kalkuliert provozierte Karriere

Stand: 15.10.2017 17:28 Uhr

Mit 31 Jahren könnte Sebastian Kurz österreichischer Bundeskanzler werden - und damit Europas jüngster Regierungschef. Verblüffend selbstsicher, zielstrebig und mit dem entscheidenden politischen Riecher gelang ihm ein steiler Aufstieg in der ÖVP.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Jeder, der sehr, sehr jung und ehrgeizig ist und in der Politik aufsteigen will, braucht einen Eklat. Sebastian Kurz produziert seinen vor den Landtagswahlen in Wien, im Oktober 2010: "Der Wahlkampf wird geil werden, weil jeder weiß in der jungen ÖVP: Schwarz macht geile Politik, schwarz macht geile Partys und schwarz macht Wien geil. Und daher starten wir die Jugendkampagne: Schwarz macht geil. Und heute ist der Startschuss."

Steile Karriere ab 2011

Es sollte der Startschuss zu seiner beispiellosen Politkarriere werden: Nach dem Herbst 2010 kennen Medien und Wähler den Chef der konservativen Parteijugend. Der Jurastudent mit den straff zurückgekämmten Haaren aus dem 12. Wiener Arbeiterbezirk Meidling erhält im April 2011 seine Chance: Mit 24 Jahren wird für ihn der Posten des "Staatssekretärs für Integration" geschaffen.

Die verblüffende Selbstsicherheit, die Sebastian Kurz schon damals, vor sechseinhalb Jahren, im ORF-Interview mit Moderator Armin Wolf an den Tag legt, wird eines seiner Markenzeichen: "Sie haben das Geilomobil angesprochen. Das war im Wahlkampf aktiv. Wahlkampf ist Wahlkampf. Ich habe in der jungen ÖVP sehr viele Kampagnen gemacht, manche waren erfolgreich, andere waren weniger erfolgreich."

Guter Netzwerker

Zielstrebig baut sich Kurz ein weit verzweigtes Netz von Anhängern in der konservativen Volkspartei auf, die noch von vielen grau- bis weißhaarigen Politik-Veteranen dominiert wird. Bei den Nationalratswahlen 2013 erhält Sebastian Kurz bereits einen der führenden Listenplätze. Im Januar 2014 fährt der frisch ernannte Außen-, Europa- und Integrationsminister zum ersten Mal in neuer Funktion nach Brüssel zum Antrittsbesuch - "um ein Kennenlernen möglich zu machen, nach drei Wochen im neuen Amt und vor allem auch bewusst vor dem ersten Europäischen Rat", so Kurz. Es sei "eine Selbstverständlichkeit, auch mit der Vorsitzenden des Gremiums vorher schon in Kontakt zu kommen".

Rasch überwindet der jüngste Außenminister Österreichs die Vorbehalte in Politik und Öffentlichkeit, die ihm stets wegen seines junges Alters entgegen gebracht werden. Er macht politisch wie persönlich auf dem diplomatischen Parkett eine gute Figur.

Aufstieg durch die Flüchtlingspolitik

Im Spätsommer 2015, mit Beginn der Flüchtlingskrise, schlägt seine Stunde: Durch die geografische Situation sei Österreich das letzte attraktive Zielland in der Kette vor Deutschland, konstatiert er. "Insofern gibt es nur eine Option für uns: im Gleichklang mit Deutschland zu agieren. Alles andere führt zu einer totalen Überforderung unseres Landes in wenigen Tagen."

Strategisch sieht Kurz im Herbst 2015 die Zeit für gekommen, sein Ziel anzupeilen: Sich mit einer harten Haltung in der Flüchtlingsfrage, mit der Schließung der Balkanroute für die Übernahme des Parteivorsitzes der Konservativen zu positionieren - und für das Bundeskanzleramt.

Vorgezogene Wahlen durch seine Initiative

Als der blasse ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner nach dem Rücktritt des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Werner Faymann ebenfalls entnervt das Handtuch wirft, ist für Sebastian Kurz der Weg frei: Er ist es, der Mitte Mai im Parlament die große Koalition mit den Sozialdemokraten aufkündigt und das Startsignal für den 15. Oktober gibt: "Nach dem Rücktritt von Reinhold Mitterlehner war ich der Meinung, dass es sinnvoll ist, dass wir in Österreich vorgezogene Nationalratswahlen stattfinden lassen."

Jetzt oder nie - so lautet einer der Slogans auf seinen Wahlkampfplakaten: Seine Partei hat sich ihm völlig untergeordnet. Jetzt muss Sebastian Kurz liefern.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. Oktober 2017 um 07:10 Uhr.

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