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Mordfall Politkowskaja
Gerechtes Urteil oder abgekartetes Spiel?
Elf Jahre Haft für Beihilfe an einem Mord, der weltweit für Entsetzen sorgte: Am 7. Oktober 2006 wurde die Journalistin Anna Politkowskaja im Aufzug ihres Hauses erschossen. Nun hat ein Moskauer Gericht einen ehemaligen Polizisten verurteilt. Doch vieles bleibt unklar im Mordfall Politkowskaja.
Von Heide Rasche, ARD-Hörfunkstudio Moskau
Der Richter blieb sogar noch ein Jahr unter der Forderung des Staatsanwaltes, der zwölf Jahre wegen Mordes und Bildung einer kriminellen Vereinigung gefordert hatte. Strafmildernd für den früheren Fahnder der Moskauer Polizei wertete das Gericht seine Bereitschaft, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Der 44-jährige Dimitri Pawljutschenkow hatte im Prozess gestanden, die kremlkritische Journalistin beschattet und die Waffe für den Mord beschafft zu haben. Das Gericht entschied außerdem, dass der Ex-Polizist umgerechnet 75.000 Euro Schmerzensgeld an die Familie Politkowskajas zahlen muss.
Noch im Gerichtssaal entschuldigte sich Pawljutschenkow bei den Hinterbliebenen. "Mit meiner Reue kann man die Tat auch nicht ungeschehen machen. Ich möchte aber nicht zum Gericht sprechen, sondern zu Annas Familie. Ich möchte um menschliche Vergebung bitten, wenn es möglich ist: Bitte verzeihen Sie mir."
Elf Jahre Haft für Ex-Polizisten im Fall Politkowskaja
H. Rasche, ARD Moskau
14.12.2012 16:18 Uhr
Bereits vor der Urteilsverkündung hatten Politkowskajas Kollegen und Familie die Vereinbarung der Behörden mit dem Angeklagten kritisiert. Im Gegenzug für die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft war dem Ex-Polizisten ein beschleunigtes Verfahren und Strafmilderung zugesagt worden. Ilja Politkowski, Sohn der ermordeten Journalistin, sprach von einem abgekarteten Spiel. "Ich bin sicher, dass er zumindest den Mittelsmann kennt, und höchstwahrscheinlich auch den Auftraggeber."
Welche Rolle spielen die russischen Behörden?
Die wahren Hintergründe für den Mord an der Journalistin sind nach wie vor unklar. Nach Ansicht von Dimitri Muratow, Chefredakteur der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gazeta", bestehe der Eindruck, die russischen Rechtschutzorgane wollten die wirklichen Hintermänner gar nicht finden. "Herr Pawljutschenkow hat sich nicht von Anfang an schuldig bekannt. Ich möchte ins Gedächtnis rufen, dass er beim ersten Prozess im Fall Politkowskaja als Zeuge der Anklage galt. Und nur nach Recherchen von uns hat das Ermittlungskomitee herausgefunden, dass er einer der Anführer dieses Verbrechens war."
Der tschetschenische Geschäftsmann Gaitukajew soll dem Ex-Polizisten umgerechnet rund 115.000 Euro für die Organisation des Mordes gezahlt haben. Unklar ist allerdings nach wie vor, in wessen Interesse Gaitukajew agierte. Er und weitere Tatbeteiligte werden in gesonderten Verfahren vor Gericht gestellt.
Familie will Berufung einlegen
Die Anwälte der Familie Politkowskaja kündigten an, Berufung gegen das heutige Urteil einzulegen. Sie fordern die Höchststrafe von 20 Jahren für den Ex-Polizisten. Dessen Verteidiger hatte dagegen für eine Bewährungsstrafe plädiert.
Anna Politkowskaja war im Oktober 2006 im Treppenhaus ihres Moskauer Wohnhauses erschossen worden. Sie hatte für die Zeitung "Nowaja Gazeta" unter anderem über massive Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenienkrieg berichtet.
Stand: 14.12.2012 17:18 Uhr
