Die Bühne von Polens größtem Open Air-Festival "Przystanek Woodstock" im Jahr 2016. | Bildquelle: dpa

Größtes Open Air in Polen Sicherheitsbedenken wegen Deutschland

Stand: 31.07.2017 14:31 Uhr

Streit über die Sicherheit von Polens größtem Open-Air-Festival, das am Donnerstag beginnt, gab es auch schon in den Vorjahren. Doch diesmal argumentiert die polnische Regierung, dass aufgrund der Nähe zu Deutschland eine erhöhte Terrorgefahr bestehe.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Zwar geht das Festival erst am Donnerstag los, aber die ersten Besucher-Zelte stehen schon im polnischen Kostrzyn (deutsch: Küstrin). In wenigen Tagen werden wieder Hunderttausende zu dem Rockfestival erwartet, darunter auch Tausende Deutsche. Drei Tage lang ist die "Haltestelle Woodstock" ein Fixpunkt auf dem Festivalkalender, und eher von der wilden Sorte.

Doch der Himmel über Kostrzyn verdunkelt sich zusehends, seit die nationalkonservative PiS-Regierung in Warschau regiert. Der Veranstalter hat es wegen angeblicher Sicherheitsversäumnisse in der Vergangenheit mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zu tun.

Bundespräsident Gauck auf Rockfestival in Polen | Bildquelle: dapd
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Das Open Air "Przystanek Woodstock" an der deutsch-polnischen Grenze zieht viele Deutsche an. 2012 besuchte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das größte Festival Polens.

Auch in diesem Jahr kritisiert ihn die Warschauer Regierung scharf. Innenminister Mariusz Blaszczak sagte im Juni: "Die Polizei hat das schon letztes Jahr negativ beurteilt. Der Veranstalter, der sehr klar mit der Opposition verbunden ist, hat protestiert. Er hält sich an den Leitsatz, dass alles toll sein wird, 'macht was ihr wollt', und alles wird gut."

Opposition vermutet politische Schikane

"Macht was ihr wollt", so lautet tatsächlich das Motto der Veranstaltung, und die meist jugendlichen Besucher halten sich daran. Alkohol und ausgiebige Bäder im Schlamm gehören für viele dazu. Die Opposition verdächtigt die Veranstalter, aus politischen Gründen hier besonders genau hinzuschauen - und bei ideologisch unverdächtigen Veranstaltungen, etwa der katholischen Jugend, viel nachsichtiger zu sein.

Veranstalter Jerzy Owsiak verteidigt sich: Das Festival finde schon zum 23. Mal statt. "Wenn es das erste Mal wäre, dann sollte man sich vielleicht mehr Gedanken machen. Seit Wochen spricht man über Terroranschläge statt darüber, dass wir wieder zum schönsten Festival einladen", erklärte Owsiak. "Jahrelang wurden wir für die Polizei gelobt, wie ruhig es ist, und dass sich die jungen Leute selbst organisieren."

Przystanek Woodstock @WoodstockPoland
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Immer mehr Sicherheitsauflagen

Tatsächlich passierte trotz des anarchischen Charakters der Veranstaltung stets wenig, ein paar Verhaftungen, ein paar Diebstähle. Ob Laisser-faire in Zeiten realer Terrorgefahren noch zeitgemäß ist, ist eine andere Frage. Auch dem kritischen Blick deutscher Polizisten, die die Szenerie östlich der Oder kennen, ist nicht entgangen, dass dort Zufahrtswege oft mit Zelten vollgestellt sind. In Deutschland wäre das so nicht möglich, sagt einer hinter vorgehaltener Hand.

Schon im vergangenen Jahr verlangten die Behörden den Bau eines Zauns. In diesem Jahr kamen weitere Auflagen hinzu, etwa mehr Sicherheitspersonal. Auch die Zahl der Polizisten wird aufgestockt. Traditionell sind auch Beamte aus Deutschland im Einsatz, zur allseitigen Überraschungen hieß es diesmal nun aber, Feuerwehrleute aus Berlin und Brandenburg würden nicht benötigt. Diese Nachricht habe überrascht und verunsichert, sagt der Amtsleiter Katstrophenschutz Frankfurt/Oder.

Polens Präsident Duda kniet vor dem Sarg des polnischen Lkw-Fahrers Lukasz U. | Bildquelle: REUTERS
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Weil im vergangenen Dezember ein polnischer Lkw-Fahrer vor dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt erschossen wurde, geht Polens Präsident Duda von einer erhöhten Terrorgefahr für das Festival aus.

Terrorgefahr wegen Nähe zu Deutschland

Die polnische Seite hingegen argumentiert, wegen der mit der Nähe zu Deutschland verbundenen Terrorgefahr seien Rettungskräfte aus einer Hand vonnöten, um das Gelände professionell zu sichern. Auf Intervention des Brandenburger Ministerpräsidenten Dietmar Woidke versprach das polnische Innenministerium nun aber, genauer zu prüfen, wo Hilfe aus Deutschland vielleicht doch willkommen wäre.

Derweil ist das Sicherheitsgefühl derjenigen hoch, die schon in Kostrzyn zelten - wie eine Umfrage des Fernsehsenders TVN ergab. Sie fühlten sich sehr sicher, erklärten die Besucher. Die Menschen seien total nett zueinander, es gebe keine Konflikte.

Veranstalter Owsiak spielt derweil mit dem Gedanken, das Festival künftig als religiöse Veranstaltung anzumelden, für die offenbar weniger strenge Regeln gelten. Eine kleine buddhistische Gemeinde aus Stettin habe sich bereits gemeldet.

"Woodstock" wird zum Anti-Regierungs-Manifest
Jan Pallokat, ARD Warschau
31.07.2017 14:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juli 2017 um 23:38 Uhr.

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