Proteste vor 50 Jahren

Polens schwieriger Umgang mit anti-jüdischer Hetze

Stand: 08.03.2018 19:41 Uhr

1968 hatte die kommunistische Parteiführung Polens eine anti-jüdische Hetzkampagne angezettelt, in deren Folge Tausende Holocaust-Überlebende das Land verließen. Präsident Duda entschuldigte sich nun dafür.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Der März 1968 in Polen könnte eigentlich ein Fall für die Geschichtsbücher sein: Die kommunistische Parteiführung, bedrängt durch Studentenproteste, aktiviert antijüdische Gefühle in der Bevölkerung, betont die jüdische Herkunft vieler derer, die für mehr Luft zum Atmen demonstrieren, wie damals auch Student Seweryn Blumszteyn: "Es war nach meinem Eindruck keine revolutionäre Generation. Selbst die Uni-Gruppe, die im Zentrum stand, bei der auch ich war, hat keineswegs radikal das ganze System abgelehnt. Es ging in allen Studentenresolutionen darum, den Sozialismus zu verbessern. Mehr Freiheit, keine Presselügen mehr, aber es gab keine per se antikommunistische Stimmung", berichtet Blumszteyn.

Präsident Duda sprach von einem "beschämenden Vorgang" und bat die Vertriebenen und ihre Familien um Verzeihung.

Hetze von Staatschef Gomulka

Israel, seit dem Sechs-Tage-Krieg Erzfeind des sowjetischen Blocks, steht laut der damaligen Lesart auch im eigenen Land. Staatschef Gomulka, der schon wiederholt eine zionistische "5. Kolonne" ins Spiel gebracht hatte, holt in der Warschauer Kongresshalle zum ganz großen Rundumschlag aus - die Rede vor Parteimitgliedern wird landesweit übertragen:

"Im vergangenen Jahr während der Juni-Aggression Israels zeigte eine bestimmte Zahl von Juden den Willen, nach Israel zu reisen, um gegen die Araber zu kämpfen. Es besteht kein Zweifel, dass diese Art von Juden - polnische Bürger - von Gefühl und Verstand her nicht mit Polen, sondern mit dem Staat Israel verbunden sind. Und heute sind wir bereit, denjenigen, die Israel für ihr Vaterland halten, Emigrationspässe auszustellen."

"Heute noch", ruft das Parteivolk. Und so kommt es: Jüdische Polen verlieren ihre Stellung in Armee und Staat, werden unter Druck gesetzt - 13.000 verlassen in den folgenden Monaten ihre Heimat. Gut 20 Jahre nach dem Holocaust, der Millionen polnische Juden das Leben kostete, ekelt die Führung des Landes die Überlebenden des Nazi-Terrors und ihre Kinder fort.

Your browser doesn't support HTML5 video.

Vertreibung von Juden 1968 aus Polen

tagesschau 20:00 Uhr, 08.03.2018, Olaf Bock, ARD Warschau

"Als es gegen die Juden ging, meldete sich niemand zu Wort"

Student Blumsztein erlebt all das nicht direkt, er sitzt als ein Rädelsführer hinter Gefängnismauern. "Der damals beste Ort in Polen, der abschirmte von der Hysterie", erzählt er. "Fakt ist aber auch, wir kennen keinen einzigen Akt des Protestes damals. In der Frage der Studenten gab es auf vielen Ebenen Zeichen von Sympathie, selbst auf Parteiversammlungen fanden manche den Mut, sich für die Studenten auszusprechen. Aber als es gegen die Juden ging, meldete sich niemand zu Wort. Auch die Kirche schwieg."

Studenten demonstrieren in Warschau (Archivfoto vom 08.03.1968).

Blumsztein gehört zu den wenigen, die trotzdem bleiben. Adam Michnik, der spätere Bürgerrechtler und Gründer der Gazeta Wyborcza, ist ein anderer. Michnik und sein Blatt, eine Sperrspitze der Opposition auch gegen PiS, steht auch heute wieder im Feuer - und ihr Gründer wird nicht selten abermals auch wegen seiner jüdischen Wurzeln verteufelt.

Parlament verabschiedete übergreifende Resolution

Das Land ist uneins, wie 1968 zu bewerten ist: Immerhin einigte sich das polnische Parlament auf eine übergreifende Resolution. Ursprünglich sah ein Entwurf der regierenden PiS-Partei vor, den 68er-Antisemitismus zu einem rein parteiinternen Konflikt zu erklären, der mit dem wahren Polen nichts zu tun gehabt habe.

Doch waren jene Polen, die auf von der Partei orchestrierten Massenveranstaltungen gegen den Zionismus mitmachten, wirklich nur Staffage? Taten sie, was sie tun mussten, oder pflegten sie auch im wahren Leben antisemitische Ressentiments? Wie verbreitet war Judenhass auch nach 1945? Es sind Fragen, die jetzt wieder neu gestellt werden infolge des aktuellen Streits mit Israel um das umstrittene "Holocaust-Gesetz", der viele Emotionen weckte. Der polnische März 1968 und die antisemitische Schmutzkampagne ist noch nicht reif für die Geschichtsbücher.

Your browser doesn't support HTML5 audio.

Polen gedenkt der 1968 vertriebenen Juden
Jan Pallokat, ARD Warschau
08.03.2018 20:04 Uhr