Ein Flugblatt liegt auf der Straße. | Bildquelle: D. Borowicz / Agencja Gazeta

Mann in Warschau zündet sich an Selbstverbrennung als Protest?

Stand: 20.10.2017 16:38 Uhr

Ein 54-jähriger Mann hat sich in Warschau selbst in Brand gesetzt. Er liegt mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus. Am Tatort sollen Flugblätter gefunden worden sein - mit harscher Kritik an der regierenden PiS-Partei.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

"Ich hoffe, mit meinem Tod viele Menschen wachzurütteln" - so soll der Text auf einem zweiseitigen Flugblatt lauten, von denen einige Exemplare in der Nähe des Mannes gefunden worden sein sollen. Bestätigt ist bisher, dass ein 54-jähriger Mann sich vor dem Warschauer Kulturpalast gestern am frühen Abend selbst in Brand gesteckt hat. Dabei verwendete er eine Flüssigkeit. Anschließend wurde der Mann mit schweren Verbrennungen in ein Krankenhaus eingeliefert.

Retter der Feuerwehr vor dem Kulturpalast. | Bildquelle: D. Borowicz / Agencja Gazeta
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Vor dem Kulturpalast in Warschau zündete sich der 54-Jährige an.

Eine politische Protestaktion?

Die Stadtratsabgeordnete Paulina Piechna-Wieckiewicz sagt, sie sei Zeugin gewesen. Sie hätte einen Mann brennen sehen und andere Menschen hätten versucht, die Flammen zu löschen. Aus einem Lautsprecher sei das Lied "Ich liebe und verstehe die Freiheit" einer polnischen Rockband zu hören gewesen sein.

Die politisch eher linksgerichtete Abgeordnete veröffentlichte auf Twitter ein zweiseitiges Flugblatt, das am Ort gefunden worden sein soll. Darin wirft angeblich dieser Mann der regierenden PiS-Partei in 15 Punkten unter anderem vor, die Bürgerrechte einzuschränken, die Verfassung zu brechen und die unabhängige Justiz zu zerstören. PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski wird in dem Schreiben beschuldigt, "Blut an den Händen" zu haben, heißt es weiter. Von dem Flugblatt gibt es bisher nur Fotos der Abgeordneten. Inwieweit diese Zeugin und ihre Veröffentlichung glaubhaft ist, ist nicht belegt. Andere Augenzeugen haben sich bisher in den Medien nicht zu Wort gemeldet.

PPiechna-Więckiewicz @PaulinaPiechna
To list, który napisał Pan, który się podpalił dzisiaj pod PKiN,w nagraniu prosił żeby go rozpowszechniać tak też z @TomaszSybilski czynimy https://t.co/jK75YJRlps

Über die genauen Hintergründe der Tat ist bisher genau so wenig bekannt, wie über den Mann selbst. Er soll aus Niepołomice, in der Nähe von Krakau kommen.  Angeblich sei seine Familie auf der Suche nach ihm gewesen, weil er selbstmordgefährdet gewesen sein soll. Er liegt nun mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus und äußerte sich bisher nicht zu seiner Tat.

Gespaltenes Echo in polnischen Medien

In der polnischen Berichterstattung wird ganz unterschiedlich auf die Selbstverbrennung reagiert. Einige sehen die Tat als weiteren Ausdruck des politischen Protestes gegen die Regierung und ziehen Vergleiche zu einer politischen Selbstverbrennung im Polen der 1960er-Jahre. In den staatsnahen Medien reicht die Bandbreite der Berichterstattung von Nicht-Erwähnung bis hin zum Infragestellen der politischen Verbindung dieser Tat.

Dagegen ist insbesondere im Internet eine lebhafte Diskussion über den Ablauf und die möglichen Hintergründe entstanden. Weitere offizielle Stellungnahmen, außer der Bekanntgabe der Tat an sich, blieben bisher aus. Die Ermittlungen laufen noch.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 21. Oktober 2017 um 22:47 Uhr.

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